THE INHUMAN // FRIDERICIANUM KASSEL

Leicht verkatert erwacht von den exzessiven Feierlichkeiten der Frühjahrs- und Fruchtbarkeitsprozessionen dieses Jahres – es waren etliche – begab sich der SANGUINIKER auf Studienreise zum Symposium und der gleichnamigen Ausstellung THE INHUMAN nach Kassel.

Mit Freude entdeckte er, dass der Titel der Ausstellung etwas irreführend ist und nicht, wie man erwarten könnte, spröde Exponate, Visualisierungen von Big Data Analysen oder lebensleere Installationen zu sehen sind, die jeglicher Körperlichkeit entsagen.

Im Gegenteil. In der Schau wuchern Haut, Haare und Fleisch in Objekte und Bildsujets hinein.

 

SANGUINIUS
SANGUINIUS

THE INHUMAN // 29.03.15 – 14.06.15 // Fridericianum Kassel

In Wirklichkeit zeigt die Ausstellung THE INHUMAN auf die Frage nach der Entmenschlichung der Welt im digitalen Zeitalter einen Sieg des Organischen. Durchgehend scheinen menschliches Material, gar Körperteile, in den Werken auf.

Die Themen Fruchtbarkeit und Fortpflanzung durch Bio-Engineering in der Bruthöhle Transformellas (Johannes Paul Raether) oder der aufgegriffene Glaube an die Unsterblichkeit im Video von Cécile B. Evans, die den verstorbenen Philip Seymour Hoffman als Avatar auferstehen lässt, wenden sich eigentlich allzu menschlicher Bedürfnisse und Hoffnungen zu.

Ganz im Sinne meiner bacchantischen Neigung ist die Ausstellung jedoch nicht. Man kann sich nicht wirklich gehen lassen und in den Genuss kommen, ausgiebig in fremde Bilderwelten zu schwelgen. Allein die Installationen David Douards und Julieta Arandas nehmen mich in ihre Universen auf.

Klinisch und recht steril sind die meisten Präsentationsformen. Man befindet sich ja im Palais des White Cube in der Mitte Deutschlands, dem Land des Rechten Winkels, und die Werke folgen mehr oder weniger diesem Regelwerk. Ein Ausstellungsraum hat ja grundsätzlich etwas inhumanes an sich.

Dennoch ergibt sich genau daraus ein wunderbar poetisches und menschliches Moment zwischen Ausstellungsminimalismus und Technowissenschaft in der sehr formalen Videoprojektion Living Colors der Schweizerin Pamela Rosenkranz. Sie führt die reduktive Macht maschineller Analyse vitaler Daten und der Sprache vor.

Wahrzunehmen ist wenig, das zunächst meine Neugier erweckt. Es ist eine langsame Abfolge monochromer Bildflächen zu sehen und eine Stimme zu hören, die unentwegt „Yes“ und „No“ vom Band spricht. Das ist die Sprache des Digitalen: Binärer Code, der alle Information auf 1 und 0, Ja oder Nein, auflöst und für die Maschine verständlich macht.

Die Farben beziehen sich auf eine von der Wissenschaft genutzte Kartierungsform neuronaler Schaltkreise im Hirn. Man nennt sie Brainbow. Eine großartige Wortschöpfung!

Zwischen Projektor und Projektionswand schiebt sich nun der Körper des Museumsbesuchers. Wegen meines umfangreichen Leibes bin ich mir meiner Körperlichkeit sehr bewusst und nehme plötzlich den großflächigen Menschenschatten an der Projektionswand mit all seiner Exzentrik sofort wahr.

HEUREKA! Platons Höhlengleichnis kommt dem belesenen Museumsgänger in den Sinn! Die Geburt der Philosophie, der Episteme!

Ich folge diesem Gedanken.

Im Schimmer des Brainbow zwischen Museumswand und Display ereignet sich eine Art invertierte Offenbarung, denn das Schattenspiel befindet sich nicht etwa in einer unterirdischen Höhle und ich bin kein gefesselter Sklave, wenn ich es nicht sein will.

Es passiert im Museum Fridericianum Kassel, dem Zentrum humanistischer Aufklärung im 18. Jh, Monument wissenschaftlicher Errungenschaft.

Die Illusion, die mir vorgegaukelt wird, ist jedoch nicht wie bei Platon das Schattenspiel von Objekten hinter meinem Rücken, sondern meine eigene Gestalt, die in solch starkem Kontrast zur Binär-Ästhetik der Technowissenschaft steht, das ich mich fragen muss, weshalb Menschsein und die Analyse von Vitalfunktionen so sehr auseinander klaffen.

Ich blicke zur Seite in die Beamer Linse und bin schrecklich geblendet.

Die Ausstellung THE INHUMAN stellt den Wahrheitsanspruch und Reduktionismus einer technophilen transzendental-humanistischen Wissenschaft in Frage, die momentan ihren institutionellen Siegeszug feiert. Es erscheint mir aber der digitale Wandel jedoch nur ein Schritt im Erkenntnisprozess sein. Gerade das Abprallen der menschlichen Gestalt von den stählernen Oberflächen der Technik offenbart nämlich ihr Problem. Je stärker der fehlerhafte Mensch sich selbst aus der perfekt konstruierten Ratio ausschließt, desto deutlicher ist sein eigener Schatten zu erkennen, um so mehr suchen ihn auch diese Geister heim.

Die Potenz der Kunst liegt gerade darin aufzuzeigen, wann der Wissenschaftsglaube zum selbstgemachten Lichtspiel wird und der Mensch lediglich der Faszination seiner selbst obliegt.

In diesem Gedanken trete ich wieder hinaus in die Hessische Großstatt Kassel und stürze mich auf den Pfingst-Kirmes, wo mich mein gefüllter Geldbeutel und das Bier der Herkules Brauerei zurück in meine bacchantische Welt führen.

Prost!