LA BIENNALE DI VENEZIA 2015 /////////////////////////// EN PASSANT

Beim Durchsichten einiger Kritiken fiel mir auf, dass ich einige der meist gelobten Arbeiten auf der diesjährigen Biennale Venedigs verpasst habe. Wahrscheinlich ist dies sowieso eine der weniger ausgesprochenen Intentionen eines Kulturevents dieses Kalibers und passt auch gut in unsere Zeit: wir flüchten uns aus der Überreizung der Großstadt in die kontrolliertere Überreizung des Clubs oder eben der Kunstbiennale. Man scharrt dort so viel – zumindest dem Preis nach – hochkarätige Kunst zusammen, dass man danach gänzlich übermüdet durch die Großstadtüberreizung schlendert und diese entspannender Weise gar nicht mehr spürt. Fataler Weise war dieses Mal auch so einiges künstlerisch hochwertiges dabei, sodass ich kaum noch den Weg zurück zum Bahnhof durch die verwinkelten Gassen des nächtlichen Venedigs gefunden habe. Ein Erlebnisbericht.

Pamela Rosenkranz’s Arbeit Our Product als Schweizer Beitrag fiel als erstes positiv auf. Beim Betreten des Pavillons hört man eine leise Frauenstimme seltsame Wörter wie „Bionin“ und „Necrion“ säuseln und ist sich aufgrund der Lautstärke gar nicht sicher, in welcher Sprache geschweige denn was da gesagt wird. Dann biegt man ums Eck und sieht erstmals sehr wenig – zumindest wenn man Ausschau nach konventionellen oder semi-konventionellen Kunstwerken ist. Der halbüberdachte Vorhof ist mit einem recht penetranten Grün ausgeleuchtet und es scheint die Anordnungen gegeben zu haben, den Pavillon für das Halbjahr nicht zu kehren: der Boden ist gesät von Blütenstaub, Laub und anderen, üblicherweise unter „Dreck“ zusammengefassten Dingen. Nach einer weiteren Ecke im sonst leeren Gebäude folgt man einem schmalen Gang zu einem Becken voller hautfarbener Flüssigkeit. Ein Algorithmus berechnet in Echtzeit den Klang von Wasserplätschern, der gesamte Raum wie Inhalt ist einheitlich in der europäischen Normhautfarbe gefärbt und die Flüssigkeit sondert einen unerträglichen Plastikgestank ab, die verhindert, länger als ein paar Sekunden vorm Pool zu verweilen und von dem man in der Broschüre am verdreckten Eingang später liest, dass es sich bei dem Geruch um die synthetisierte – und wohl vielfach verstärkte – Note von Säuglingen handelt. Die säuselnde Stimme vom Anfang, erfährt man weiters, zählt künstliche chemische Substanzen auf wie Viagra und Silikon, die uns alltäglich zu den nach-modernen Cyborgs machen, die wir alle geworden sind und werden.

Schön daran ist die auflösende Hinterfragung aka. Verschmutzung des grün gefärbten white cubes sowie der stark synästhetische Ansatz, der einen schon die wichtige Thematik der chemischen Generika olfaktorisch, akustisch wie visuell fühlen macht, bevor man sie rational mit dem Begleittext versteht.

Pamela Rosenkranz, "Our Product", Installation des Schweizer Pavillions 2015
Pamela Rosenkranz, „Our Product“, Installation des Schweizer Pavillions 2015

Nachdem ich anschließend den dänischen, den skandinavischen, venezuelischen und den russischen Pavillon besucht habe, ist mir folgende Patern aufgefallen: die reichen Industrienationen sind mit sehr aufgeräumten, sehr minimalistischen Arbeiten vertreten, während die Schwellenländer eher mit Überladung und auch politischen Agenden aufwarten. Wobei der russische Pavillon zweigeteilt war, im Untergeschoss besuchte man die politische Überladung von Irina Nakhova, im Obergeschoss grüßte einen ein dreimeterhoher Kopf eines Jetpilots in voller Montur, dessen überdimensionaler Atemschlauch sich im Raum verlief und auf dem Kinder spielten. Die Augen dieses Monsters blicken unruhig im Raum umher und schienen in etwa zu denken: „Hm..jetzt bin ich also hier…und was jetzt?“, was mir ein gutes Sinnbild für die hochmilitarisierte Situation Russlands und der ganzen Welt, die vielleicht soeben in ein neues Wettrüsten schlittert, zu sein schien.

Installation der Künstlerin Irina Nakhova im Pavillion Russlands
Installation der Künstlerin Irina Nakhova im Pavillion Russlands

Nach dem japanischen Beitrag, der ob seiner Schönheit keines Textes bedarf – was keinesfalls abwertend missverstanden werden darf – und einer koreanischen Futurismusfabel, bei der der Beitext eindeutig Schaden angerichtet hat (für die Emanzipation der Künstler_innen von sinnleeren Beschreibungstexten!), war der deutsche Pavillon das nächste große Highlight.

Recht ratlos stand man vor den fest verschlossenen Eingangstoren und fand nach einiger Zeit zu linker Hand den Beschreibungstext von Olaf Nicolais Beitrag:

„Während der Dauer der Biennale Arte halten sich drei Personen auf dem Dach des Deutschen Pavillons auf. Ungesehen von den Besuchern gehen sie dort einer rätselhaften Arbeit nach, einer Schattenökonomie unter gleißender Sonne. Sichtbar werden die Akteure erst, wenn sie von Zeit zu Zeit an den Rand des Daches treten, um Bumerangs zu werfen. Sie suchen nach einer geeigneten Flugkurve und der dafür idealen Form des Wurfobjekts. Die Bumerangs stellen sie in einer Werkstatt her, deren Umrisse allenfalls aus der Ferne auszumachen sind.“

Boomorang habe ich keinen gesehen und der Anstand verbat mir, meiner Lust nachzugehen, Stöcke auf das Pavillondach als allegorischen Protest gegen die allegorische Schattenwirtschaft zu werfen.

Dann erblickt man, dass ein kleines Tor zu einen Wartungsgang offen ist und da keiner der Aufsehenden interveniert, klettert man über die kleine und steile Wendeltreppe in den zweiten Stock des Germaniapalasts. Dort findet man ein politisches Kunstwerk zur Flüchtlingsproblematik Europas, welches letztendlich in einer aufwendigen Zusammenstellung von mitleidserregenden Fotos und Zeitungsausschnitten hinter Glasvitrinen besteht, wobei ich mir nicht die Arbeit machte, die Inhalte eingehend zu studieren. Der Eindruck drängte sich auf, dass der Verfasser dieser Arbeit mit dem Medium eines Zeitungsartikels besser bedient gewesen wäre, um das präsentierte Material aufzubereiten.

Einen Stock tiefer fand man dann das eigentliche Juwel dieses Kunstgegenstandes GERMANIA. GERMANIA (ital. für „Deutschland“) dieses Land der freien Qualitätspresse und dritt größten Waffenindustrie, das Land der gesellschaftsliberalen Politik und knallharten neoliberalen Wirtschaftsdiktatur, Export- und Fußballweltmeister mit dem Hipstermagneten Berlin als Hauptstadt, dessen endlose Parties, Clubs und szenetypisch antikapitalistischem Konsens. Das Land in dessen Offspaces und Darkrooms alles erlaubt ist, solange Schäubele dem Süden noch ihre Hausaufgaben mit schlechten Noten zurückwerfen darf und welches als scheinbar einzig europäisches Land noch keine neo-faschistoide Partei rechtsaußen mit Mehrheitsfähigkeit hat, solange die Flüchtlinge noch in ihren Eintrittsländern bleiben müssen – dieses Land war Thema der Videoarbeit Factory of the Sun von Hito Steyerl, die sie mit einem gigantischen Team verwirklicht hat.

Schon beim Eintreten landet man unvermutet im deutschen Post-Kraftwerk Paradies. Der Raum ist dem 80er-Jahre-SciFi-Film Tron entlaufen, weiße Liegestühle stehen leger um eine große Fanmeilenleinwand, auf der typisch-deutsche Tweens coole Dance Moves zu Kasem Mosses berlinesken Technobeat auf dem Ruinenideal des Teufelsberg veranstalten. Das Thema ist ein ominöses Computerspiel, von dem uns allerdings in Glitter-Lettern versichert wird „This is not a game, this is reality.“ In ihm werden Opfer vergangener wie zukünftiger (London Riots, arabischer Frühling, Hackangriff gegen Deutsche-Bank-Drohnen oder Singapur Uprising 2018) Aufstände als hippe Polygon-Alter-Egos respawned und tanzen von nun an panisch-coole Dance Moves mit der Suggestion, das dies die Revolution gegen die vertakten (und teils fiktiven) Machenschaften der „Bösen“ wie Deutsche Bank, NSA und so weiter ist. Bis das ganze Szenarium kippt und man erfährt, dass all diese digitalisierten Berghainianer in Wahrheit Sklaven des Lichts dieser Factory of the Sun (das Internet, der Strom, die Daten, all das funktioniert nur mit und durch Lichtgeschwindigkeit, wird uns erklärt) sind, die in schiefen Sonnenlicht und mit verklärten MDMA-Grinsern über den paradiesischen Dächern Berlins absteppen.

Wenn man im letzten Jahrhundert vom real existierenden Sozialismus geredet hat, dann ist dies die real existierende Dystopie, die uns diese Videoarbeit als Krönung des ganzen Pavillons Deutschlands vor Augen führt: vor verschlossenen Türen bemerkt man nur ab und zu die Spuren einer mysteriösen Schattenwirtschaft, wenn man dann durch nur einen vermeintlichen Geheimgang im Obergeschoss eine anteilnehmende Arbeit zur Flüchtlingsproblematik sieht, bis man dann in Tatortgemütlichkeit die schlimme Lage der Welt so cool präsentiert bekommt, dass man sich zuerst denkt „Wow, in dieser futuristischen Actionwelt wäre ich auch gerne“, und dann bemerkt „yeah, da bin ich drin!“ bis man errötet darüber, dass man einen vom Finanzkapitalismus gesteuerten DronenTerrorstaat, in dem die einzige Ausflucht eine mit revolutionären Symbolen überladene Internetranszendenz ist, toll fand.

Alles in allem ein wunderbares wie zutiefst erschreckendes, multimediales Portrait von Deutschland in seinen facettenreichen globalpolitischen Verstrickungen.

BGL’s "Canadassimo", Kanadischer Pavillion
BGL’s „Canadassimo“, Kanadischer Pavillion

Beim Nachbarn Kanada wurde die Post-Internetästhetik umgedreht. Während Kunst, die sich gemeinhin unter diesem sehr vorschnell lancierten Begriff des „Post-Internet“ sammelt, das Internet als einen extrem verkitschten und trashigen Raum darstellt, ist dort die so genannte Realität zugespamt. Man betritt den Pavillon durch einen typischen, etwas heruntergekommenen quebecoisen Store, in dem es Zigaretten, Alkohol, Zeitschriften und diverse weitere Bedarfsartikel auf versifften Regalen Preis gegeben werden. Die Verpackungen der Artikel – also die Colas, Orios, Omos etc. – waren allerdings allesamt verschwommen wie auf einem schlechten Foto. Erst als man dieses die Augen verwirrende Schauspiel mit einem Smartphone abfotografieren will, bemerkt man erstaunt, dass am Display diese Produkte gestochen scharf zu sehen sind.

Weiter geht es durch einen seltsam leeren Raum, in einen von Krims-Krams überfüllten, in dem unzählbare Farbtiegel ein wunderbar trashiges Farbfeuerwerk erzeugen. Der ganze Pavillon wirkt wie eine gepfuschte Baustelle, zumal er noch von einem Gerüst umstellt ist, welches man – mit Umweg über das Materiallager – auf wackeligen Stiegen erklimmt. Von dort führen aufwendige Rinnenkonstruktionen mit spektakulären Loopings und Verwindungen in alle möglichen Richtungen und man fragt sich, was für ein fantastisches Kinderspielzeug hier gebaut wurde. Am Startpunkt der Rinnen angelangt, versteht man, dass diese für Münzen gedacht sind, welche nach ihrer schwindelerregenden Reise sich in Mosaike in der Glasfront einfügen. Allerdings war diese Konstruktion defekt und überall waren „Please do not insert coins“-Sticker angebracht. Das Mosaik aus unserer harten Währung bleibt also unvollständig und zerzaust. Da checke ich lieber noch schnell die Facebook Updates auf meinem Smartphone und hoffe, dass der Defekt künstlerische Intention war.

Sonst noch? Die herumlaufenden Bäume vorm französischen Pavillon waren sehr hübsch, auch wenn ich etwas traurig für ihr drittes botanisches Geschwister war, da dieses von einem white cube und mir eher unnötig erscheinender mystischer Aufladung umzingelt war.

Marco Maggis "Global Myopia", Italienischer Pavillion
Marco Maggis „Global Myopia“, Pavillion von Uruguay

Der wunderschöne Beitrag von Marco Maggi mit dem schönen Namen Global Myopia im Pavillon Uruguays sollte weiters als Highlight der Biennale genannt werden. Allerdings ist diese extrem aufwendige wie minimalistische Arbeit so filigran, dass ich befürchte, beschreibende Worte würden ihr Schaden anrichten. Ein Bild soll genügen als Einladung näher an diese wunderbare globale Kurzsichtigkeit heranzutreten und den feinen Spuren im Lokalen zu folgen.

Iranischer Pavillion
Iranischer Pavillion

Außerhalb des Hauptgeländes rate ich dringend dem Iranischen Pavillon einen Besuch abzustatten. In der ihm bestimmten runtergekommenen Industriehalle findet man gleich zwei hochkarätige Ausstellungen mit einer Reihe an atemberaubenden Werken. Einige der besten davon kommen von Ghodratollah Aghedi, der in seiner Kollektion Venus in the tragic land Frauenrollen in der islamischen Republik reflektiert.

In der Arsenale und zunehmenden Erschöpfung gefielen mir noch besonders der kosovarische Beitrag, die wie gewohnt sinnlich-eindrucksvollen Bilder und Töne der Videoarbeit „Ashes“ von Steve McQueen und die gigantischen zwei Phönixe von Xu Bing, in denen sich allerlei Industriemüll aus der Asche erhob und in den Werften hängend nur darauf zu warten schien, mit der Zukunft im Gepäck ins Land der aufgehenden Sonne und Mitte zu fliehen.

Phlegmatiker
Der Phlegmatiker