HEIM UND GARTEN DES ALTEN WILDEN

Die Ausstellung ist vorbei, die Erinnerungen verblasst. Genau der richtige Zeitpunkt für eine Rezension!

In Europa hatte es der Autor geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen, aber mit dem internationalen Spekulationsgeschäft auf deutsche Flachware verfolgt er ihn nun doch bis über den Atlantik: der Alte Wilde Albert Oehlen.

Albert Oehlen: Home and Garden,
New Museum, 235 Bowery New York, NY 10002
10.06. – 13.09.2015

Es ist nicht so, dass er nicht gefallen fände an seinen Bildern. Sie sind hip, verflechten sich doch computergrafische Elemente mit in die wilden Kompositionen. Genau das, was man im Dickicht des Post-Digitalen Irrtums, das sich bei der jüngeren Generation breit macht, vergeblich sucht: Albert Oehlen geht spielerisch mit neuen Bildelementen und Möglichkeiten der digitalen Kultur um. Diese steht nämlich erst am Anfang ihrer Möglichkeiten und nicht schon am Ende, liebe Apokalyptiker. Die großformatigen Bilder sind zudem dekorativ genug, um den Populärgeschmack zu treffen und dennoch mit hoher malerischer Qualität. Lob an die Maler-AssistentInnen! Lob an den Künstler, ein rundes Paket!

Bild der Ausstellung in New York. Der Autor vermutet, dass der Titel "Bier" lautet.
Bild der Ausstellung in New York. Der Autor vermutet, dass der Titel „Bier“ lautet.

An Albert Oehlen und den jungen Wilden der achtziger Jahre nervt den Autor vielmehr der altbackene deutsche Genie-Kult, der bis heute an den Kunstakademien mitschwingt und aufrechterhalten wird. Er kenne lediglich zwei weitere Personen auf dieser Welt, die z. B. nicht den platten Malerwitz eines Martin Kippenbergers huldigen, der ebenfalls einer der Protagonisten dieser Stammtisch-Ästhetik pubertierender Künstler ist.

Persönlich findet der Autor dieses Beitrags Sigmar Polke (leider verstorben) aus der Reihe der laut krakeelenden Künstler-Clique aus Köln am spannendsten. Hat er doch mit der Edition „…Höhere Wesen befehlen“ oder der Skulptur „Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ eine gewisse Selbsthinterfragung betrieben, vor allem aber einen Hieb gegen das Braune Deutschland gerichtet.
Die späteren Großformate mit transparent grundierten Malgründen verdeutlichen um so mehr den Schritt zur Entmystifizierung.

Installation des Künstlers Albert Oehlen
Installation des Künstlers Albert Oehlen

Zurück zur Kritik. Nicht nur dass die deutschen Genies für das Aufgreifen der banalsten Themen Saufen und das eigene Künstler-Ego vergöttert werden. Bei den steigenden sozialen, ökonomischen und politischen Konflikten in der Welt darf man sich schon fragen, weshalb eine Generation ihren Handlungsspielraum als öffentliche Personen und Intellektuelle so scheut. Sie reproduzieren zudem seit Jahrzehnten einen Machismus unter der Nachfolgegeneration.

Zur Genealogie dieser Alt-Herren Garde gehören Professoren, die mitunter jungen talentierten Studentinnen auf Partys in ihrer Trunkenheit den Penis zeigen. Oder schlagen dem ein oder anderen Studenten vor, einen Puff nach der Akademie zu eröffnen. Provokation in aller Ehre, aber manchem würde ein Personal Advisor gut tun, zumindest aber ein Aufenthalt in der Entzugsklinik um die Wampe los zu werden. Dann wirkt der eigene Schwanz auch wieder größer. 😉

Mit Gottes Segen (der Autor möchte hiermit das Narrativ des männlichen Genies in die Nähe des Messianischen Motivs rücken) wird eine Machtstruktur aufrecht erhalten, die den kulturellen Reichtum und die Pluralität zu Gunsten lauter und vulgärer Persönlichkeiten verhindert. Dabei wird Sensibilität gegenüber Anderem und das differenzierte Verstehen von komplexen Zusammenhängen, aber vor Allem Respekt gegenüber dem, was außerhalb des eigenen Universums abgeht, von immer größerer Bedeutung.