CAPE TOWN I

Sanguinius ist wiedermal auf Frischluft-Kur und wird uns regelmäßig unregelmäßig mit Berichten aus der Kunstwelt Kapstadts füttern.

Dieses Mal FIRST THURSDAY’S, der monatliche Galerienrundgang am südlichsten Punkt Afrikas über:

Marlise Keith: Difficult things, 05.11. – 24.11.2015, Worldart Gallery Cape Town
Lizza Littlewort: We Live in the Past, 04.11. – 28.11.2015, 99 Loop Gallery Cape Town.

Selten kommt es vor, aber wenn es eintrifft, dann freut er sich umso mehr. Nach etlichen Galeriebesuchen und Kunstmessen bei denen er das Gefühl hatte, nichts Neues gesehen zu haben, sondern nur die Wiederholung der Wiederholung bzw. ein Simulacrum von Ideen. Er hate beinahe schon aufgegeben. Nun findet er aber, zu einem Zeitpunkt da er am wenigsten danach gesucht hat.

Cape Town ist normalerweise nicht in der Rangliste der innovativsten Kunstmetropolen zu finden. Umso überraschender und erfreulicher ist es, dass sich Kapstadt dann doch als solche präsentiert. Jeden ersten Donnerstag im Monat findet ein Galerienrundgang statt. Berlin und andere Städte haben das zwar bereits seit Langem im Programm, aber irgendwie klappt es dann doch nicht ganz und wird meistens zu einem großen Spektakel bzw. endet in einem Trinkgelage. Diesem ist er natürlich niemals abgeneigt, dazu braucht er aber nicht den Vorwand einer Kunsteröffnung!

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Marlise Keith, ohne Titel, 2015, Worldart Gallery

In Kapstadt hingegen scheint das Publikum sich tatsächlich für die Kunst zu interessieren und nicht nur für die eigene Kunstdarstellung. Er geht also von Galerie zu Galerie und entdeckt dabei einige KünstlerInnen, von denen er noch nie gehört hat. Er trifft auf politisches Engagement statt Egomanismus in den Kunstwerken. Die Kunst steht im Mittelpunkt und nicht der/die Künstlerpersönlichkeit. Wie erfrischend!

Ein Beispiel ist die Ausstellung Difficult things von Marlise Keith. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit den Nachwirkungen der Apartheid auseinander und kritisiert, dass es nach wie vor erschreckende Missstände gibt. Ebenso wie in der Geschichte gibt es in ihren Zeichnungen keinen Anfang und kein Ende. Comicfiguren treffen auf abgetrennte Körperteile. Die oft lieblich anmutende Ikonographie gleitet über in abrupt einsetzende Fleischwunden die aus Stoffresten bestehen und im ersten Anschein mit Stofftieren verwechselt werden könnten. Genau damit spielt die Künstlerin. Marlise Keith´s Zugang zur Kunst ist von den Surrealisten und Expressionisten beeinflusst. „Fucking it up and fixing it and then fucking it up again“. Wunderbar.

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Lizza Littlewort, Tragedy and Farce, 2015

Auch Lizza Littlewort kritisiert die weiße Hochkultur anhand ihrer Serie „We live in the past“. Dabei stellt sie die Alten holländischen Meister und die dunkle Seite ihrer Geschichte in den Mittelpunkt. Durch eine Neu- Interpretation der Werke thematisiert sie die unausgesprochene und meist weggelassene Geschichte der Kolonialvergangenheit. Littleworts Bilder verschwimmen in grellen, bunten Farben, ganz im Gegensatz zu den dunklen Ölgemälden die von einer bestimmten Gesellschaftsschicht als Hochkultur bezeichnet und zur Akademiekunst ernannt wurden.

Durch das Beisetzen kleiner Details oder einer Abänderung der Bildtitel liest der Betrachter die Werke in einem anderen Kontext. Der Lachende Kavalier von Frans Hals wird beispielsweise zu Tragödie und Farce, benannt nach dem 18. Brumaire des Napoleon, dem vielleicht besten Text von Marx. Wir leben gewissermaßen immer noch in der Vergangenheit, zumindest was die Aufarbeitung von Geschichte betrifft. Die alten Denkmuster und Kategorien von Kunst und nicht- Kunst sind immer noch jene, die unsere Vorfahren aufgestellt haben. In welchem Kontext dies alles geschah, wird dabei gerne vergessen. Um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne nicht zugleich ein solches der Barbarei zu sein. “

Nach getaner Arbeit wendet sich Sanguinius nun wieder den lustvollen Dingen zu, denn er hat in der temporären Heimat einen neuen Longdrink entdeckt: Cola-Brandy. Auch erfrischend!

Prost!