EUQOAB BAROQUE

Claudio, unser MELANCHOLIKER und Berufs-Pessimist hat sich im vor-weihnachtlichen Wien die Ausstellung Baroque Baroque von Olafur Eliasson im Winterpalais des Belvedere, Himmelpfortgasse 8 angesehen.

Baroque Baroque: Nomen est Omen.

Ich Claudio, was so viel heißt wie der Hinkende, schleppte mich überredet von meinen Kritikerfreunden (ja, es sind alles Männer) in die aktuelle Ausstellung von Olafur Eliasson in Wien. An sich finde ich seine Arbeiten oft fad und fühle mich immerzu an ein Kindermuseum für Naturwissenschaften erinnert, wenn z.B. die Wassertanks der Installation Vortex (1998) im cleanen Ausstellungsraum oder der Beton Box von Mega-Sammlern ausgestellt sind. „Physikexperimente für Erwachsende“, sage ich immer zu meinen Kollegen, die schon längst auf den stromlinienförmigen Szientisten-Zug von Wissenschaft und Kunst aufgesprungen sind und alle als Mitglied des einen oder anderen DFG-Forschungsprojekts sehr gut leben können.

Nun ja, dieses Mal war es anders.

Die Schau der super-modernen Objekte Olafur Eliassons im Hoch-Barocken Winterpalais des Belvedere offenbart durch das Aufeinanderprallen beider Epochen die Probleme pseudo-wissenschaftlichen Reduktionismus und die Syndrome unserer nach-industriellen westlichen Gesellschaft. Der Neo-Idealist in mir erkennt ganz klar die subversive Kritik an der Verwissenschaftlichung westlicher Kultur, die unter dem Dogma ständig Erkenntnis zu generieren, der Gefahr aufsitzt, sich nur einer Illusion von Empirie und Ratio hinzugeben aber eigentlich sich selbst und den eigenen Käfig des tatsächlichen Erkenntnishorizonts reproduziert.

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Monster-Kind in der Installation Your uncertain shadow (color), 2010

Die Position Olafur Eliassons lässt sich durchaus als Super-Modern beschreiben. Als aufstrebender Künstler der späten 1990er und des beginnenden Millenniums hat er den Szientismus an die Speerspitze der Kunst gesetzt. Seine Arbeiten changieren zwischen Design, Architektur und einfachen physikalischen Phänomenen oder Wahrnehmungsexperimenten. Oft schwingt eine Art ökologische und gesellschaftliche Sensibilität mit, wie zum Beispiel das Solar betriebene Produkt Little Sun, das die Welt der Menschen abseits städtischer Infrastrukturen illuminieren soll. Aber selbst mit seinem Debut The Weather Project (2003) in der Tate, bei dem das Studio Olafur Eliasson eine Miniatur der gleißenden Sonne in die Turbinen Halle setzte, regte er nicht nur zur dringenden Auseinandersetzung mit dem Klimaschutz an, sondern ruft gleichzeitig eine tief gehende mythologische Analogie an, wenn man bedenkt, dass der westliche Monotheismus mit großer Wahrscheinlichkeit Wurzeln im Sonnenkult hat.

Neben der Analyse der von Eliasson verwendeten Bilder, ist es auch interessant das Verhalten von BesucherInnen seiner architektonischen Eingriffe und Installationen zu beobachten. Der Szientismus, den der Dänische Künstler abbildet, arbeitet nämlich vornehmlich mit Spiegeln und optischen Effekten, fast wie auf der Schaubühne eines Magiers. Ein Großteil des Ausstellungsraums durchzieht eine ca. 2,5m hohe Spiegelfläche, die eine Kette von Ausstellungsräumen und deren Werke verdoppelt und den Raum auffaltet. Das provoziert auch ganz profanes menschliches Verhalten.

Es überrascht nicht, dass der Begriff Barock etymologisch auf die Bedeutungen „Verzerrung“, „Täuschung“ oder „trügerisches Denken“ zurück geht und in der Zeit der Aufklärung als Bezeichnung der heute bekannten vormodernen Epoche zwischen 1575 und 1770 etabliert wurde. Anfangs wurde das Wort tatsächlich als Abwertung benutzt, da es im Sinne von „bizarr“ oder als Abweichung vom Ideal verstanden worden war.

Wenn nun die Ausstellung Eliassons Eingriffe in unsere Wahrnehmung im Barock-Palais diesen mit den Mitteln von Kunst und Wissenschaft zu verdoppeln versucht, passiert  eigentlich folgendes: Es zeigt sich nicht nur die Verdopplung sondern eine Invertierung des trügerischen und krummen barocco in der Moderne. Es offenbart sich die Illusion der vermeintlichen Rationalität der auf den Barock folgenden Aufklärung. Die Gegenüberstellung schreibt interessanter Weise dem Wahrheitsanspruch der Wissenschaften gleichermaßen täuschende Züge zu.

Eine dem Wissenschaftsglauben und Fortschritt verschriebene Haltung lässt die Wirklichkeit in einem neuen Licht erscheinen, setzt sich aber nicht ohne Blinde Flecken fort. So stimmt die Ausstellung bereits mit dem Yellow corridor (1997) im Aufgang des Winterpalais mit dem opaken Licht der Monofrequenzleuchten auf den heutigen relativierenden Objektivitätsglauben ein. Jeglicher Anschein des Farbspektrums wird verschluckt, jede Differenzierung in der Erscheinung wird zugunsten der Konturierung verwischt. Im Ausstellungskatalog heißt es, der Besucher würde „mit einer hyper-detaillierten Sehkraft und einer sensibilisierten Aufmerksamkeit“ ausgestattet. Das Gegenteil ist doch der Fall, wenn die menschliche Farbwahrnehmung ausgesetzt wird. Die Installation löscht die farbliche Opulenz barocker Mythenwelt und die künstlerische Größe des Stiegen Aufgangs aus und macht die Architektur und ihren Besucher zur realen Schwarz-Weiß Aufnahme.

Die KuratorInnen der Ausstellung haben vollkommen Recht, wenn sie die Ausstellung mit dem Fivefold Cube (2000) bestücken, denn Barock und Moderne teilen Kernelemente, so sich die Moderne und Aufklärung als Gegenbewegung versteht. Diese Elemente sind nicht als Parallelen zu verstehen, sondern treten vielmehr isomorph zu den jeweiligen Epochen des Barock und der Moderne auf. Ist der Künstler der Super-Moderne sich dessen nun bewusst, dass sich Objektivität nicht ohne illusorischen Hilfsmittel herstellen lässt und man vielleicht eher von Bijektivität (geborgter Begriff aus der Mathematik) – also ähnlich einer Unterlegungen von Ur-Bildern – sprechen kann?

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Installationsansicht der Ausstellung Baroque Baroque mit Besucher und Endless doughnut (links) und Fivefold cube (rechts)

Der Szientismus in diesem Fall reduziert die Wahrnehmung auf eine Methode und diese ist die Illusion.

Die Projektion der wahrnehmbaren Welt in simple mathematische Gesetzmäßigkeiten birgt die Gefahr zum Käfig der eigenen Fragestellungen zu werden. Dort wo die Wissenschaft an die Grenze kam, entwickelte der Barock beispielsweise eine ausgeklügelte mythologische Analogie zur Wirklichkeit. Dort wo die Wissenschaft heute an ihre Grenze kommt, benutzt sie Spiegel und doppelte Böden um den Käfig und die eigenen Illusionen aufrecht zu erhalten.

Man kann dem Gedanken nach gehen, ob das, was zu Tage tritt, die Paradoxie ist, aus dem sich die Moderne aus dem Barock gebar. Das spannende ist nun, dass sich die Moderne selbst in der Paradoxie verfängt. Die zeitgenössische Philosophie spinnt längst umtriebig neue Konzeptionen von Wirklichkeit außerhalb des Wirkungsbereichs von Menschen. Die Denkschulen unter dem New Materialism hinterfragen die Methoden der Episteme, die sich im eigenen Schleier verfangen zu haben scheint und eine Kritik am Humanismus übt, der im Spiel der ständigen Selbstreflektion nicht weiter kommt.

Genau diesen Zustand bilden die zentralen Werke der Ausstellung Wishes versus Wonders (2015) und Fivefold tunnel (2000) in ihrer Verbindung ab. Es wird die Crux einer szientistisch modernen Haltung sichtbar, die nur sich selbst reflektiert im Glauben, ein universal anwendbares Muster gefunden zu haben, in dem sich die Phänomene der Wirklichkeit auflösen lassen. In Wirklichkeit ist sie gefangen innerhalb des eigenen Käfigs.

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Besucherin im Fivefold Tunnel, der Künstler Olafur Eliasson außerhalb der Edelstahlstruktur, die mit dem Mathematiker und Architekten Einar Thorstein entstanden ist.

So betrachtet sich das Animal Rationale immer nur selbst in seinen Fragestellungen und bleibt dabei immer eingegrenzt in der Limitierung der eigenen Fragestellung und Messtechnik. Das reduziert die Wirklichkeit, aber erhellt nicht. Genau darin liegt die Kritik und das Paradox an einigen wissenschaftlichen Unternehmungen.

Eines der bemerkenswertesten Fähigkeiten des Menschen ist die Fähigkeit zur Abstraktion der Wirklichkeit. Dies kann das Erkennen und Reproduzieren naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten sein oder – gleichwertig – die Konstruktion von Narrativen und Allegorien sein, um komplexe Sachverhalte auch zu analysieren. Ein Großteil von Wissen wurde über Jahrtausende hinweg in symbolischer Form, als Allegorie oder Erzählung vermittelt und archiviert. Macht sich der Szientismus zu sehr breit, kann es sein, dass wir die Fähigkeit verlernen, diese Narrative in ihrer Symbolhaftigkeit zu erkennen und über ihre Geschichte hinaus zu transzendieren. Im auseinander klaffen der beiden epochalen formensprachen, das mythische Bewusstsein des Barock und der Verlust dessen im Nach-Industriellen Zeitalter wird das auf den Punkt gebracht.

Die Wissenschaft gibt durch einen geklärten Blick wichtige Einsicht in die Welt. Sie kann gleichzeitig die Wahrnehmung jeglicher Verzauberung berauben. Bedient sich die Kunst nun der Wissenschaft zur Verzauberung kann es sein, dass sie uns Einsicht in den eigentlichen Nutzen unserer Illusionen selbst offenbart.