TOUR DE RHEIN

Zwischen Glühweinstand und Holy Shit Shopping in Köln hat sich die Frau unseres Sanguinikers abgeseilt und einen Abstecher ins Museum Ludwig sowie das Kolumba Museum gemacht und ist sogar die 15 Minuten mit der S Bahn nach Düsseldorf gefahren.  Wie gewohnt hat es gedauert, bis wir den Bericht in die Hände bekamen – so ist es eben mit „geselligen“ Menschen. Diese Künstlerinnen im Rheinland sollten Sie aber sehen!

Die Reviews:

Museum Ludwig Köln
Joan Mitchell. Retrospective. Her Life and Paintings.
14. November 2015 bis 21. Februar 2016

Kolumba Museum Köln
Aktuelle Ausstellung: Der rote Faden. Ordnungen des Erzählens.
15. September 2015 bis 22. August 2016-01-26

K20 Düsseldorf
Agnes Martin.
7. November 2015 bis 6. März 2016

Köln aus der Luft

 

Dieses Jahr sind ich und mein Mann wieder zu Weihnachten in die Heimat zu seiner Mutti gefahren – also in das Rheinland und nach Ostwestfalen-Lippe (von dem noch nicht einmal die Deutschen wissen, wo es liegt. Irgendwie in der Gegend von Hamm, Bielefeld, Detmold).

Im Sinne einer langsamen Annäherung an die alljährliche Familiendosis hielten wir erst einmal in Köln an, um uns für ein paar Tage bei einem befreundeten Paar vorzubereiten. Der Flieger ging nach Düsseldorf. Also hieß es zunächst, in den Regionalexpress einsteigen und knapp 15 Minuten von einer Stadt am Rhein zur anderen übersetzen. Nach mittlerweile fünfzehn Jahren in Wien war das rheinische Deutsch erneut ein Kulturschock! „Wie reden die hier?“, fragte ich meinen Mann und fühlte mich ertappt, denn so muss das für ÖsterreicherInnen klingen, wenn einer von uns den Mund aufmacht. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr wir mittlerweile doch schon in Wien angekommen zu sein scheinen. Anpassung: gelungen.

Unsere Gastgeber mussten bis zur letzten Minute arbeiten (Berufspolitiker), also gab ich mich ganz pflichtbewusst, bzw. fromm, denn während andere um Weihnachten herum in die Kirche pilgern, gehe ich in meine Museumskathedralen, und suchte die örtlichen Kunstinstitutionen auf. Ich war darauf vorbereitet, jeden Moment tief enttäuscht oder total beglückt zu werden. Das wurde ich auch. Und zwar zunächst von Joan Mitchell in Köln.

Ich hege eine zarte Abneigung gegen expressionistische Kunst. So etwas darf man im Kunstkontext ja eigentlich nicht laut sagen. Dennoch, Joan Mitchell hat mir so wenig gegeben, wie es mir selten passiert. Auf der Website und im Pressetext wird sie als große Wiederentdeckung gefeiert, die durch die Ausstellung im Museum Ludwig endlich ihre wohlverdiente Anerkennung in Europa erhält. Auf watteweichen Worthülsen gebettet, war ich stets darauf gefasst, beim Anschauen des nächsten Gemäldes „intellektuell stimuliert“ (Websiteankündigung) zu werden. Blieb leider aus, genauso wie die im Begleitheft proklamierte sinnliche Verführung. Jedes der gestisch-abstrakten Stücke ließ mich völlig kalt. Mehr noch: ließ mich an meinen Kenntnissen der Kunstgeschichte erheblich zweifeln. Denn wie konnte ich Mitchells große Bedeutung, die hier so marktschreierisch angepriesen wurde, übersehen?

Joan Mitchell, Minnesota, 1980. Foto: Henning Kaiser
Joan Mitchell, Minnesota, 1980. Foto: Henning Kaiser

Klar, Mitchell hat die Farbe ziemlich dick aufgetragen. Aalglatte Oberflächen kann man von ihr nicht erwarten. Das musste man sich in den 1960er- und 1970ern erst einmal trauen. Ihre Bilder bleiben inhaltlich unbestimmbar. Die wenigen Assoziationen an Naturphänomene oder andere gegenständliche Anleihen verfliegen beim Betrachten genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind. Ich muss zu Mitchells Verteidigung beifügen, dass ich mir nicht die allergrößte Mühe gegeben habe, mich auf sie einzulassen. Aber ich war ja auch nicht da, weil ich ihre Arbeit gut kenne und nichts wichtiger gewesen wäre, als die Ausstellung zu sehen, sondern weil ihre Retrospektive nun einmal zufällig lief, als ich gerade in Köln war.

Zum Trost machte ich im Anschluss noch einmal einen schnellen Spaziergang durch die Sammlungsausstellung. Alles, was Rang und Namen hat, ist dort vertreten. Von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. Hier ging ich auf deutlich vertrauterem Terrain. Die meisten Künstler_innen waren mir ein Begriff. Vieles kannte ich aus früheren Ausstellungen im Ludwig Museum. Mitchell hat mich wohl auch deshalb so irritiert, weil ich keinen Kontext herstellen konnte, in dem ich sie hätte platzieren können. Ähnlich meiner Irritation anlässlich des typisch rheinischen Singsangs im Zug.

Aktuell ist die Sammlung besonders gut präsentiert. Warhols Brillo-Boxen müssen nicht armselig in einer schlecht beleuchteten Ecke neben einem Treppenabsatz stehen, wie sie das schon einmal taten, sondern sind wirkungsvoll mitten im Raum, der der Pop-Art gewidmet ist, platziert. Auch die anderen Werke sind gut präsentiert. Alles hat hier Luft zum Atmen und die Werke unterhalten sich blendend miteinander. Ein schöner Schnelldurchlauf durch die jüngste Kunstgeschichte. Und dann endlich ging mir ein Lämpchen auf. Der Grund, warum mir Mitchell so gar nichts mitzuteilen hatte, war vermutlich, weil sie in der Kunstgeschichte bislang kaum vorkommt. Ihre Kollegen Pollock, De Kooning und Twombly haben wie selbstverständlich ihre Platz in der ständigen Sammlung (auch wenn ich mir bei denen ebenso unsicher bin, wohin sie mit ihrer Malerei wollen). Mitchell aber , zeitgleich arbeitend, fehlt. Wenn man die Kunstgeschichte so erzählt, wie das in Köln der Fall ist, weichen Positionen wie ihre fast automatisch den großen Künstlerheroen. Darum also ist es so wichtig, ihr eine große Retrospektive auszurichten: damit sie sich einfach den Platz nehmen kann, der ihr ohnehin zustünde. Wenn man sich sowohl die Soloausstellung als auch die Sammlung in Köln anschaut, ist es fast so, als würde sich Mitchell von unten (ihre Arbeiten sind zum größten Teil ebenerdig ausgestellt) nach oben ihren Weg in die Sammlung bahnen. Die Mitchell-Retrospektive endet dann auch mit einem ziemlichen Knall. Im Heldensaal (also doch Künstlerheroin) hing das mehr als sechs Meter breite Minnesota (1980) – vier Werke, die auch alleine stehen könnten, in dieser prominenten Hängung jedoch voll zur Wirkung kamen.

 

Next Stop: Das Kolumba-Museum in Köln

Das Kolumba-Museum stand schon ewig auf meiner Liste. Viel darüber gehört, aber nie gesehen. Aber ich würde behaupten, dass es eine Sensation ist – nicht nur architektonisch, sondern auch inhaltlich. 2007 wurde der Zumthor-Bau in Köln buchstäblich auf den Ruinen der ehemaligen Kirche St. Kolumba eröffnet. Drinnen zeigt das Erzbistum Köln seine Sammlung, die von der Spätgotik bis zur zeitgenössischen Kunst reicht in jährlich wechselnden Präsentationen. Heuer stand der Heilige Severin im Mittelpunkt einer Ausstellung, die den mittelalterlichen Bildzyklus geschickt mit Werken der zeitgenössischen Kunst in Verbindung bringt. So geschickt, dass, das ist ja so selten geworden, der Funke der Begeisterung gleich überspringt.

 

Ausflug in das K20: Agnes Martin

Ungefähr zur gleichen Zeit aktiv wie Mitchell, hat sich Martin früh für den Weg in die geometrische Abstraktion entschieden. Ihre Werke bestehen zum größten Teil aus Linien und Streifen, die sie mithilfe von Linealen, oder Schnüren zog (zum Ende ihrer Karriere hin vor allem quadratischen Grundformats, als ob sie es der Generation der Instagramer_innen leicht hätte machen wollen). Rasterbilder sind ja nun nichts Neues. Aber Martins Bilder hatten es in sich. Vor jedem Bild verharrt man, um den kleinen Fehler zu finden, der eine Punkt, wo sie vielleicht über die Linie hinausmalte und die selbst auferlegte strikte Anlage der Gemälde vernachlässigt hätte. Das wird dann fast zu einem Meditationsspiel vor den Werken und den immergleichen Strukturen, die dennoch so präzis und spannungsvoll angelegt sind, das jedes Einzelne regelrecht dazu auffordert, davor zu verharren und die Grundidee der Konstruktion herauszufinden. Auch in Düsseldorf endete die Ausstellung mit einem imposanten Bildzyklus: dem zwölfteiligen „The Islands I–XII“ (1979), die an einer entsprechend langen Wand im Obergeschoss des Hauses aufgereiht worden waren. Auch hier beginnt wieder das Suchspiel. Was unterscheidet nun diese weißen Quadrate, auf denen sich ganz zarte Bleistiftlininen abzeichnen? Wie unterscheiden sich die Weißtöne. Ist das eine etwa gelblicher und das andere grünlich? Jede der zwölf Arbeiten war durch die horizontalen Bleistiftlinien unterschiedlich segmentiert, doch es fand sich immer zumindest die Fortführung eines Bleistiftstrichs auf gleicher Höhe auf dem nächsten Gemälde. Ein fantastisches Spiel, das man stundenlang in dieser Ausstellung betreiben konnte.

Hätte mir mein Mann nicht unentwegt Kurznachrichten geschickt, um mich zurück ins Weihnachtsshopping zu lotsen, hätte ich sicher noch Stunden vor den Arbeiten verbracht. Glauben Sie mir, diese Ehe ist anstrengend.