WARUM IST DAS LICHT SO SCHLECHT? Painting 2.0.

Das MUMOK Wien zeigt eine Überblicksschau zur Wiederbelebung der Malerei im Informationszeitalter.

Unter dem Titel Painting 2.0 stellen die Kurator_innen Manuela Ammer, Achim Hochdörfer und David Joselit Werke der westlichen Nach-Moderne zusammen.

Lesen Sie hier eine Review unseres schöngeistigen Daniel Lockney.


WARUM IST DAS LICHT SO SCHLECHT? : Painting 2.0.

Im Juni 2016 eröffnete das MUMOK Wien die Ausstellung Painting 2.0 mit anschließender Podiumsdiskussion. Das Ende dieses Panels moderiert vom Kurator David Joselit mit den Gesprächspartner_innen Caroline Busta, Lynne Cooke und Sebastian Egenhofer markierte eine sehr einfache Frage aus dem Publikum, die pointiert auf den Umgang mit der Malerei im Industriezeitalter 4.0 aufmerksam macht. Ein junger Mann – vermutlich um die 30 – fragte warum das Licht in der Ausstellung so schlecht sei.

Interessanterweise ist genau das auch mir, dem aufmerksamen Ausstellungsbesucher der alten Schule und Liebhaber der Malerei aufgefallen.

Newton mit Regenbogen
Holzschnitt, 19. Jahrhundert. Isaac Newton zerlegt weißes Sonnenlicht mit einem Prisma.
schlechtes licht
Links: Albert Oehlen, Auch Einer, 1985.  Rechts: John Miller, My Friend, 1989. Foto: esel.at.

Keine andere Kunstform wie die Malerei ist in der Produktion und Rezeption von den Lichtverhältnissen beeinflusst. Ich gehöre zu den Besucher_innen, die, wenn es sich ergibt, Malerei einmal bei Tageslicht und am Abend ansieht. Was ich da sehe? Jedes Mal ein ganz anderes Bild natürlich!

Es gehört Mut dazu diese recht banale Frage „Wieso ist das Licht so schlecht?“ vor dem hochkarätigen Panel (Chefkuratorin der National Gallery of Art, Washington DC, Redakteurin Texte zur Kunst und Professoren der Neusten Kunstgeschichte) zu stellen. Vermutlich rollten nicht wenige der anwesenden die Augen bei dieser so simplen Frage, die den Kurator_innen aber schmerzhaft in den Leib gefahren sein muss. Man macht sich nicht gerade beliebt, aber die schmerzhaften Fragen sind oft die wichtigen.

Tatsächlich ist die Diskrepanz zwischen dem Ansatz der Wiederbelebung der Malerei und der Remote-Planung der Ausstellungsarchitektur und Hängung auffällig. Wahrscheinlich hat man einfach in der Planung am Architekturmodell nicht über die tatsächlichen Lichtverhältnisse nachgedacht und viel zu hohe Wände gebaut.

schlechtes licht 2
MAN im schlechten Licht. Hinweis: Höhe der Stellwände. Foto: esel.at.

Auch die Auswahl der Künstler_innen geht irgendwie nicht mit dem Anspruch des Painting 2.0 auf. Einige der ausgewählten Künstler_innen sind so alt (die meisten längst tot), das sie sicher kein E-Mail öffnen konnten, geschweige denn ein like bei Facebook absetzen.

Man hat sich für die jeweiligen Themenfelder Geste und Spektakel (kuratiert von Achim Hochdörfer), Eccentric Figuraton (kuratiert von Manuela Ammer) und Social Networks (kuratiert von David Joselit) konsequent aus dem Lager der alt bekannten, zwischen USA und Deutschland zirkulierenden, Künstlern der Nach-Moderne bedient. Gerade das Informationszeitalter 2.0 basiert doch aber auf einem internationalen Austausch globaler Information und Kulturformen. Das ist in dieser Schau komplett vernachlässigt worden.

lozano bei schlechtem licht
Lee Lozano und Maria Lasnig leider auch in schlechtem Licht. Foto: esel.at.

Hervorgehoben werden soll aber hier die wunderbare Zusammenstellung von Manuela Ammer, die eine ganze Reihe Werke signifikanter und richtungsweisender Künstlerinnen ausgewählt hat. Darunter Leidy Churchman, Lee Lozano, Jutta Koether und Malereien von Eva Hesse, um nur eine Handvoll aufzuzählen.

Das der Erkenntnishorizont von Painting 2.0 im groben aber bei Social Networks hängen bleibt ist mehr als ärgerlich. Welche Einsicht: auch Künstlergenerationen vor Facebook haben Netzwerke gebildet! Damit will man die Malerei in das Informationszeitalter hinüber retten? Mit dieser Erkenntnis lässt sich nun wirklich keiner der Digital Natives und Kulturschaffenden der Informationsindustrie 5.0 begeistern, denen die neuere, alte und antike Kunstgeschichte, samt dazugehöriger Quellen in digitalen Archiven offen liegt.

KAYA Wien
KAYA, Installationsansicht der Ausstellung aus 2015 bei der Gallerie Meyer Kainer (Eine andere Art schlechtes Licht).

Positionen, die tatsächlich das Informationszeitalter materiell aufgreifen, fehlen. Mir fällt ad hoc mein Bruder im Geiste David Hockney ein, der vor ca. 5 Jahren begann auf seinem iPad Malerei zu betreiben. Großartig, wie der Maler ein Bild mit dem Wisch des Fingers macht, um es dann mit einem Klick an seinen gesamten Verteiler von Sammler_innen, Galerist_innen und Kurator_innen zu teilen. Auf der polierten Glasoberfläche des Geräts bleibt nur ein Fingerabdruck. Übrigens: eigentlich auch ein Netzwerkthema!

Interessante junge künstlerische Positionen sind zugestanden doch dabei, die nicht direkt mit dem Tafelbild zu tun haben, aber eindeutig malerisch arbeiten. Besonders gefreut haben mich die Werke von KAYA (aka Debo Eilers & Kerstin Brätsch), die mit Schichtungen, Farbverdichtungen und Oberflächenspiegelungen auf Polyesterfolie als Malgrund spielen. Die Malereien wirken wie Organismen aus einer fragilen Membran. Die Häute werden von Gurten zusammen gehalten. Sie sind verletzt durch Schlitze, die dann mit farbigen Drähten wieder vernäht sind. Shapes aus der Graffiti-Kunst vermischen sich mit einem Materialfetisch zwischen SM und Synthetik sowie humorvollen Zitaten an das Bling-Bling der Kunstwelt. Zur Installation gehören überdimensionierte Goldmünzen (∅ 100 cm, siehe Bild). Ich komme mit dieser poetischen Brutalität am Objekt Kunst voll auf meine Kosten!

polke schnitten
Sigmar Polke, 1967.

Das zweite Highlight als Lowlight im Themenfeld Social Networks sind die Kekse von Sigmar Polke aus dem Jahr 1967. Zu sehen sind drei Waffelkekse und man kann sich streiten, ob das Knoppers, Hanuta oder No-Name Haselnussschnitten sind. Dieses Werk ist wohl in der Auswahl, weil Gerhard Richter auch in der Ausstellung zu sehen ist – alles zum Thema Network!? Nicht ganz: unter der Sub-Kategorie Capitalist Realism in diesem Social Network lässt sich so ziemlich alles aus der Kunstwelt übertiteln: Kartoffeln, schwarze Ecken, Zollstockpalmen. Kommt alles in Polkes Œuvre vor, von dem ich gerne noch mehr in Ausstellungen sehe! Apropos Palmen, Memes sind doch auch ein großes Thema der demokratisierten Netzwerkkultur, oder?

Ploke Palme
Sigmar Polke als Menschenpalme, aus „…Höhere Wesen befehlen“, 1968, Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Zusammengefasst geht das Konzept von Painting 2.0 nicht wirklich auf. Man könnte nämlich großzügig auf den theoretischen Unterbau und Referenz zur vermeintlichen Aktualität der Ausstellungsfrage verzichten, die Lichtsituation verbessern und schon hätte man eine offene Zusammenstellung wunderbarer Malerei, die es den BesucherInnen offen lässt – ja, sie sind mittlerweile unglaublich breit gebildet, was dem Informationszeitalter geschuldet ist – ihre eigenen Verknüpfungen und Verbindungen herzustellen. Die jetzige Hängung und Sortierung wirkt eher manieriert und fad.

Die Kunstgeschichte ist bekanntlich eine langsame Disziplin – und ich liebe sie dafür! Diese aber mit den Mechanismen der beschleunigten Wissensgesellschaft in Verhältnis zu setzen kann für den langsameren der Beiden ziemlich daneben gehen.

Bang Bang, Licht aus.

the end
Oops, wer hat das Licht ausgedreht?