BLANKER ZYNISMUS ODER BRUTALE REALITÄT?

Zur Kontroverse um den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Die Ausstellung translocation – transformation im 21er Haus Wien. 14.07.2016 bis 20.11.2016.

Nach einer stationären Behandlung, habe ich mich dazu entschlossen, den Kunstbetrieb, aus dessen Innerem heraus ich sonst die Welt wahrnehme, eine Zeit lang von Außen zu betrachten. Eine Sinnkrise und der Zusammenbruch durch Burnout bringen mich nun als schlichte Besucherin in die Blockbuster-Ausstellung von Ai Weiwei in Wien.

Die MelancholikDEPRESSION.

Was ist heute ein Ereignis?

Das ist eine schwierige Frage, denn es schwirren so viele Ebenen des Ereignisreichen in der Luft. Zur Zeit der Französischen Revolution galt sicherlich eine Enthauptung auf dem Place de la Révolution zu den großen Ereignissen. Heute noch ist die Lust an der öffentlichen Zerlegung nicht kleiner geworden, was sich an der Causa um die Direktorin des Belvedere gut erkennen lässt. Der Compliance Skandal hatte die Presselandschaft im Juli und August um das 21er Haus und das Belvedere ziemlich hartnäckig bestimmt und die erhoffte Aufmerksamkeit der Lotusblüten aus Rettungswesten auf dem repräsentativen Wasserbassin des Belvedere blieb aus.

Das Interesse der europäischen Öffentlichkeit für das Schicksal der Menschen, die vor den realen Enthauptungskommandos fliehen, fiel eher klein aus. Der Künstler resümiert zum Ende eines lesenswerten Zeitungsportraits in der SZ diesen Sommer: „Niemand will mehr über Flüchtlinge reden, auch in Deutschland nicht. Ich bin enttäuscht von Europa.“

Das Schicksal der Talente, die im Durchlauferhitzer von Büros und Presseabteilungen der Kulturinstitutionen wie dem Belvedere verheizt werden, interessierten auch niemanden. Dafür ging es um Geld.

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Ai Weiwei, Wang Family Ancestry Hall, 2015. Copyright: Ai Weiwei Studio. Fotocredit: Belvedere, Wien.

Zurück zum Ereignis, denn die Ausstellung von Ai Weiwei im 21er Haus war für mich trotz all der erlebten Enttäuschungen ein sehr wichtiges. Zwar konnte ich persönlich diese Ausstellung nicht in die Reihe der diesjährigen touristischen Megaevents der schillernden Kunstwelt, wie den Floating Piers von Christo und Jeanne-Claude in Italien einreihen, wie es manch anderer Tourist tat und den unglücklichen Versuch unternahm über das flottierende F zu schreiten wie ein neuer Messias. Für mich offenbarte sich aber in dieser Schau die Brutalität und der Zynismus unserer Zeit, vor Allem aber der Kunstwelt, die hauptsächlich Kritik an den „Überschreitungen“ des Künstlers übt.

bb9 Logo mit Stroller. Courtesy Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Das Hipster-Stadtviertel Prenzlauer Berg läuft unter Berlinern seit einigen Jahren unter „Pregnant Hill“.
bb9 Logo mit Stroller. Courtesy Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Das Hipster-Stadtviertel Prenzlauer Berg läuft unter Berliner_Innen seit einigen Jahren unter „Pregnant Hill“.

Die Schau mit dem Titel translocation – transformation hinterlässt in mir jedoch die Vorahnung einer endenden westlich-europäischen Hegemonie in der Kunst zurück, denn es ist das erste Mal seit langem, dass ich mich in Gegenwart von zeitgenössischer Kunst selbst so definiert, gefordert oder gar in Form gebracht fühle. Schlenderte ich z.B. durch die Berlin Biennale 2016, war mir so vieles egal. Ich wurde von den multi-media Installationen absorbiert, hier und da ein Schmäh oder Aufreger, auch schöne Momente und leider viele triviale. Außerhalb der Ausstellungsräume kam es mir vor, als fügten sich die Straßenwerbungen und das Berlin-Mitte Feeling perfekt in die Corporate Identity des Biennale Designs ein. Zynisch sei sie gewesen. Sie ließ sich auf jeden Fall nicht einfach abstreifen, was nicht unbedingt positiv gemeint ist. Aber selten habe ich mich in der Auseinandersetzung der einzelnen Werke in meiner Haltung als Mensch angesprochen gefühlt. Es war entertaining, absurd, lief ins Leere.

Installation des Künstlers Ai Weiwei in Berlin, Februar 2016. Die Rettungswesten wurden vorzeitig abgehängt.
Installation des Künstlers Ai Weiwei in Berlin, Februar 2016. Die Rettungswesten wurden vorzeitig abgehängt.

Ai Weiweis Werke wirken dagegen puristisch. Natürlich sind sie hoch aufwendig, überdimensioniert und teuer, aber sie fordern mich heraus. So konsequent sich Ai Weiwei der simplen und klaren Formensprache postmoderner Globalästhetik bedient, so unbemerkt scheint er Europa und der Kunstwelt einen Spiegel vorzuhalten. Die Mehrzahl der Kreativen hat sich trotz gewaltiger Umwälzungen in der Welt weiterhin zur eignen Nabelschau entschlossen und wagt es nur selten politische Inhalte zu thematisieren oder sich zum Stand der Dinge (auch in der Kunstwelt) zu äußern.

Das skandalöse Bild, das Ai Weiwei an einem Mittelmeerstrand in der Position des ertrunkenen Ailan Kurdi nahe dem Badeort Bodrum. Die Idee zu dem Motiv hatte nicht der Künstler, sondern Berichterstatter der Zeitung India Today.
Das skandalöse Bild, das Ai Weiwei an einem Mittelmeerstrand in der Position des ertrunkenen Ailan Kurdi nahe dem Badeort Bodrum. Die Idee zu dem Motiv hatte nicht der Künstler, sondern Berichterstatter der Zeitung India Today.

Ai Weiwei hingegen nutzt seine Prominenz zur Verwirklichung einer heftigen Kritik. Er hat verstanden, dass gerade Künstler_Innen – vielleicht auch nur sie – die Fähigkeit besitzen, Objekte aus dem gewohnten Kontext zu lösen und diesen Gegenständen sowie Ereignissen Bedeutung zu geben. Dabei scheut er sich nicht die Grenzen zu überschreiten.

Die Reaktionen, die ihm entgegenschlagen, wie in Berlin diesen Februar 2016, als er Rettungswesten zur Mahnung an die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer am Konzerthaus anbrachte, sind das eigentliche künstlerische Werk. Provokation wirkt eben an wunden Punkten. Hat sich denn noch niemand die Frage gestellt, warum Ai Weiwei zum Dissidenten Chinas wurde? Mit welcher Art der Provokation er den Chinesischen Staat herausfordert? Seine Werke funktionieren niederschwellig. Es gibt keine offensiven Angriffe auf die Obrigkeit durch Obszönität oder starke Slogans. Das ist alles in China erlaubt, wenn man zur Oberschicht gehört. Statt dessen hat Ai Weiwei durchgängig die Schicht der kleinen Leute in den Mittelpunkt seiner Arbeit gerückt. Sei es mit den 1001 Chinesen, die im Zuge der Documenta 12 nach Kassel reisen durften, oder der Teppich tausender Spouts (Kannenhälse) im Belvedere. Im ersten Fall wurden Menschen tatsächlich bewegt. Im zweiten weisen lediglich die Gebrauchspuren an den Scherben auf deren Abwesenheit hin.

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Ai Weiwei, Kleid mit Blumen, 2010. Porzellan, glasiert.
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Ai Weiwei, Die Welle, 2005. Porzellan, glasiert. Ansicht aus der Ink Art Show des Metropolitan Museum of Art NY.

Ai Weiwei versteht es, mit einem wirklich vielseitigen Oeuvre nicht nur die große Mitte der Gesellschaft zu zeigen, sondern sie gleichzeitig zu adressieren. Der Mann aus dem Reich der Mitte bringt die gesellschaftlichen Mitten zusammen. Als Opfer ist die aus den zahlreichen Krisengebieten fliehende Mittelschicht mit den Schwimmwesten repräsentiert, als Zuschauer steht dem Gegenüber die intellektuelle Mitte Westeuropas. Im Gegensatz zur Ummantelung der Säulen am Konzerthaus in Berlin ist die Installation der Lotusblüten aus Rettungswesten in Wien zugegeben lieblich. Das ist aber eben auch eine Facette dieses Künstlers, dem man – seinem äußerem Anschein nach – vielleicht nicht so viel Feinsinn zuschreibt. Brutaler ist die Tatsache, dass sich das kulturinteressiere Publikum mehr für das GPS-Tracking des Containers mit Kunst und Antiquitäten beladen interessiert, als für die Boote die das Schicksal tausender Menschen bestimmen. Das ist wohl Symptom unseres Waren- und Konsumfetisch. Vielleicht wollen wir einfach nicht sehen, wie es tatsächlich um die Mitte bestellt ist.

Material und Menschen sind in Bewegung und im Begriff sich zu bewegen – übrigens nicht nur Kriegsflüchtlinge, sondern auch Talente.

NACHTRAG: Scheinbar breitet sich das Desinteresse für die Realität auf unglaubliche Weise sogar auf die freie Presse aus. Tatsächlich möchte der deutsche Journalist Jakob Augstein „von seinem Recht auf Wegsehen Gebrauch machen“ in Bezug auf die aktuellen Kriegsbilder aus der verwüsteten Stadt Aleppo. Unglaublich, findet unsere aufbrausende Kuratorin.