ÜBER ESKAPISMUS OHNE NACHHALTIGKEIT

Unser Choleriker und Foucault-Leser fragt sich, wie es dazu gekommen ist, dass heute so wenig Interesse für Realpolitik unter den Yuppis, Buppies, Ys, X-Generation oder Alt 68ern geblieben ist. Für die Urenkel dieser Generationen wird die Party wahrscheinlich vorbei sein.

Über Eskapismus ohne Nachhaltigkeit.

Festivals verkörpern einen Zeitgeist der de-politisierten, verwöhnten und ironischen Generation. Festivals sind abgesichert gegen Störfaktoren von außen. Sie sind Heterotope im Sinne Foucaults. Ein Begriff, den er in seinem Aufsatz 1967 geprägt hat und sich aus dem Griechischen  hetero (anders) und Topos (Ort) herleitet. Laut Foucault gibt es Räume, die unsere Gesellschaft reflektieren, negieren oder umwälzen.

„Das sind erstens Utopien. Utopien sind Orte ohne realen Ort. Es sind Orte, die in einem allgemeinen, direkten oder entgegengesetzten Analogieverhältnis zum realen Raum der Gesellschaft stehen. Sie sind entweder das vervollkommnete [sic.] Bild oder das Gegenbild der Gesellschaft, aber in jedem Fall sind Utopien ihrem Wesen nach zutiefst irreale Räume.“

Meiner Ansicht nach, fallen da Festivals ganz besonders darunter.

Man Air
Luftaufnahme des Burning Man in Nevada. Achten Sie auf die formale Ähnlichkeit zum Panoptikum.

 

 

 

Festivals geben die Illusion einer Welt, in welcher Ideale wie Freiheit und Gleichheit regieren, in welcher niemand arbeitet sondern von Selbstverwirklichung lebt, und in welcher jegliche Grenzen aufgehoben sind. Festivals lassen reale Probleme vergessen. Hierbei spreche ich vor allem von den mehrtägigen Mega-Festivals, mit einer großen Anzahl von Besucher_Innen- und Konsument_Innen.

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Radfahrerin auf dem Burning Man.

 

Mittlerweile gibt es Menschen (ich will hier weder pauschalisieren noch bestimmte Menschengruppen herausgreifen und in Mangel einer adäquaten Ausdrucksweise behalte ich diese unzureichende Bezeichnung bei), die von Festival zu Festival ziehen, kaum fixe Wohnorte haben und die Illusion des Heterotops auf diese Weise in die Länge ziehen. Das bekannteste und wahrscheinlich größte Festival der letzte Jahre, ist das 8- tägige Burning Man in Nevada. 70 000 Besucher_Innen nahmen dieses Jahr an der riesigen Party inklusive Kunstevents und Selbstdarstellung in den unterschiedlichsten Formen teil. Wenn man bedenkt, dass Burning Man 1986 das erste Mal mit 20 Besuchern stattgefunden hat, ist es beinahe unvorstellbar, dass es mittlerweile zu diesem Riesen- Event geschnellt ist. Auch in Costa Rica lädt das Festival Viva la experienca dazu ein, sich selbst und andere holistische Ziele (Liebe, New Utopia) zu verwirklichen. AfrikaBurn in Südafrika mit 10 000 Besucher_Innen im vergangenen Jahr – ein Spin Off des Burning Man – lädt ebenfalls dazu ein, sich in den Eskapismus zu stürzen.

Es gibt unzählige Festivals, manche legen ihren Schwerpunkt auf Rockmusik, Musik aus Seifenblasen, Lichtspiele, Improvisationstanz, Yoga, Bier, Perücken, Whiskey, Meditation, Poesie und noch unzählige andere Formen von Kunst, Selbstverwirklichung und Selbstinzenierung. Natürlich ist es großartig, wie unterschiedlich und einzigartig, wie kreativ und spannend die Ideen sind, die im Rahmen der Festivals zum Ausdruck gebracht werden. Unbestreitbar bieten Festivals eine großartige Möglichkeit zum Vernetzen, zum Austausch und Kennenlernen von Neuem. Aber wie viel bleibt wirklich, wenn es vorbei ist, außer großartigen Erinnerungen, neuen Facebook-Freund_Innen und beeindruckenden Fotos?

AfricaBurn 2016
AfricaBurn 2016

Eigentlich ist es bezeichnend, dass es offenbar ein enormes Defizit an Selbstverwirklichung im Alltag gibt und ein so großer Markt existiert, an Personen, die nur darauf warten, ein Ventil zu finden, um sich aus ihrer selbstgewählten Situation zu befreien.

Es geht hier nicht um eine Kritik an unterhaltender Freizeitgestaltung per se oder eine kurze Auszeit vom Alltag. Das sei jeder und jedem vergönnt. Problematisch ist jedoch, dass eine Generation von Ironiker_Innen im Alltag kein Interesse hat, sich mit der realen Welt zu beschäftigen, beziehungsweise ihre Energie zu nutzen, den eigenen Alltag zu ändern. Stattdessen gibt es Serien und Filme, unerschöpfliche Bilder und Artikel auf Instagram, Twitter, Facebook& Co die das politische Potential ganzer Jahrgänge aufnehmen und verpuffen lassen. Viele Festivals werben mit Slogans à la „Change the world“ aber was tun wir wirklich dafür, außer vielleicht unsere Essgewohnheiten zu ändern und in den Bio-Markt zu gehen?

Burning Man Festival Zentrum.
Burning Man Festival Zentrum.

Wichtiger wäre es, nachhaltig künstlerische und kulturelle Veranstaltungen und Aktivitäten zu gestalten, zu vernetzen und zu fördern. Eine weiterreichende Community gründen, verwirklichbare Ziele setzen, nicht die Welt auf einmal verändern wollen, sondern konkrete Ideen in der unmittelbaren Umgebung zu verwirklichen. Weniger Identitätsfindung und mehr Universalitätsanspruch. Aber die Gesellschaft des Spektakels hat keine Geduld, sie will erleben.

The Man Burning. Zum jährlichen Ritual gehört das Verbrennen einer Opferskulptur.
The Man Burning. Zum jährlichen Ritual gehört das Verbrennen einer Opferskulptur.

Die meisten Festivals sind für ausgewählte Gesellschaftsgruppen entwickelt. Hedonismus muss man sich leisten können. So verstärken sich eigentlich die Grenze zwischen dem „Wir“ und dem/der „Anderen,“ die daran nicht Teil haben können. Das Gemeinschaftsgefühl is exklusiv. Es bezieht sich nicht auf „Die Anderen“ außerhalb des Festivals, sondern auf das Wir der schönen nackten Festivalteilnehmer_Innen. Die Grenzen werden zwar innerhalb der Festivalcommunity aufgehoben, die realen Grenzen nach außen werden verschärft.

Es ist passiert. Das sind die Großeltern der Gesellschaft des Spektakels.
Es ist passiert. Das waren die Großeltern der Gesellschaft des Spektakels. Die Kritik allein hat den Prozess leider nicht aufhalten können.

Die Festival-Generation ist nicht daran interessiert, reale Grenzen aufzuheben, sondern eher daran, sich innerhalb der Grenzen einer Illusion hinzugeben um der realen Welt entfliehen zu können. Fast so, als wäre es genug, Ideen zu formulieren und zu teilen, ohne etwas dafür zu tun. Dieser Wille zum Eskapismus entsteht aus einer De-politisierung heraus, die sich in der westlichen Gesellschaft immer stärker verbreitet. Es ist einfacher, die Welt mit Ironie und Sarkasmus von sich fernzuhalten und sich innerhalb der bequemen Grenzen gekannte Gesellschaft zu suchen, als mit realen Problemen konfrontiert zu werden.

Nie gab es mehr Studien zu Identitätspolitik und weniger Interesse an Realpolitik als heute.

spektakel