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#vaporfolk

#vaporfolk

Der Medienkünstler Peter Moosgaard baut in rituellen Performances signifikante Werke der Avantgarde und Nachkriegsmoderne als Cargo-Attrappe nach. Diesen selbstironischen Blick auf die Auratisierungsmethoden des White Cube sowie als post-ironischer Kommentar auf die heutige Konsumkultur würdigen wir mit einem Spezialbeitrag – ganz im Ernst.

#vaporfolk: Vom Umkehren symbolischer Kreisläufe als Utopie

Seit 2012 betreibt Peter Moosgaard die Cargo-Praxis: eine materielle Übersetzung und Fetischisierung von Minimal Art und Konzeptkunst mit ärmsten Materialien aus Lianen, Zweigen und Holzresten. Damit invertiert der Künstler nicht nur die Techniken zur Aufladung von Kunst, sondern rückt diese auch in den Kontext moderner transzendierenden Marketingstrategien, die die heutige Prosumer-Culture bedient. Aus der Hand des Medienkünstlers entstehen rituelle Objekte. Nachbauten historisch aufgeladener Kultobjekte sowie Low-tech-Imitationen diverser High-Tech-Gadgets. Jedes Objekt der Begierde, jeder Wunsch lässt sich im Nu als Cargo-Attrappe materialisieren.

Oculus Rift (Cargo Club), 2015. Filmstill aus Christoph Schwarz‘ Supercargo.

Auf seinem Tumblr #vaporfolk werden Abbildungen dieser pseudo „Cargos“ als digitale Artefakte archiviert. Durch Tags wie #cargo, #reversehistoricizing oder #postapocalypse filtert Moosgaard Bildmaterial von Kunst und Nicht-Kunst aus dem Datennebel des World Wide Web. In diesem heterogenen Bildarchiv lässt sich der Geist des Cargos nachzeichnen und aktualisiert seine Version des Musée imaginaire als Bildernarrativ zum scrollen.  

Neben einem themenreichen Schauplatz für Anthropolog*innen und Kulturtheoretiker*innen, spiegelt die Cargo Praxis auch die Sehnsucht und das Scheitern des postkapitalistischen Subjekts wieder. Gleichzeitig verweist es auf das Prekariat heutiger Künstler*innen hin, deren Alltag unüberbrückbar von den hoch kommissionierten Produktionsbudgets internationaler Museen und frisch geweißelten Messewänden auseinanderklafft. Von der spekulativen Aufladung des Hochglanzprodukts Kunst bleibt oft nicht mehr als der Eindruck einer leeren Hülle, begleitet von den üblichen hohlen Phrasen kurzlebiger Kunstmagazine und Kunstkritiken. Warum also nicht gleich Hülle oder Gerüst liefern

Warhols Brillo Box als Cargo-Objekt, 2014

Das Cargo in Peter Moosgaards Arbeit ist jedoch komplexer angelegt. Der kulturtheoretische Wert seiner lakonischen Geste liegt in der Reflexion und Umdeutung einer gegenwärtigen Subkultur, denn neben der Kritik des enttäuschten Subjekts westlichen Einzelgängertums, verweist Moosgaard auf eine Kulturtechnologie als Mimikry hin, die den Westen schon zu Zeiten des europäischen Kolonialismus herausforderte.

Das Wort „Cargo“, vom englischen Wort für Fracht abgeleitet, beschreibt das Verhalten der Inselbewohner*innen auf der Südpazifikinsel Melanesien, die – angeblich auf sympathetische Magie stützend – die Infrastruktur von US Marinebasen während der Besatzung im 2. Weltkrieg nachbauten. Um gleichermaßen neue Fracht – das magische Cargo – heranzulocken. Obwohl der Cargo-Kult auf ein ethnologisches Phänomen der Nachkriegszeit zurück geht und die Aufmerksamkeit darauf letztlich ein Produkt des anthropologischen Forschungstourismus nach der US-amerikanischen Besatzung ist, liegt seine eigentliche Geschichte viel weiter zurück.

Über die Authentizität des Kultes sind sich die Anthropolog*innen daher mittlerweile strittig, da es den Inselbewohner*innen nie an neuen Kultobjekten und Idolen mangelte. Die Nachfrage der Forschung bestimmte also das kulturelle Angebot, was den Forscher*innen, die sich selbst in ihren Hypothesen zu sehr bestätigt fühlten, nicht lange schmeichelte.

Archivbilder 1950. Cargo Objekte auf der Pazifikinsel Melanesien

Tatsächlich erstreckt sich die Entwicklungsgeschichte der Cargo-Praxis im Südpazifik bis in die Zeit des britischen, spanischen und niederländischen Imperialismus im 19. Jahrhundert. Auch damals fühlten sich die Kolonialherren von der niedlichen Imitation ihrer Schiffe geschmeichelt. Die Cargo-Praxis war jedoch eine politisch-religiöse Strategie, um sich gegen die Eroberung der Engländer und Niederländer zu organisieren. Zum einen verspottete die indigene Bevölkerung die Großmacht. Zum anderen war dieses Verhalten ein Schutzmechanismus, um nicht kulturell dominiert oder endgültig massakriert zu werden.

Peter Moosgaard: Cargo Flugzeug, 2014

Die Cargo-Praxis erregte erst viel später die Phantasie der strukturalistischen Anthropologie, die in den späten 1950er-Jahren umfangreiche Studien indigener Völker vorlegte. Erwähnung in diesem literarisch-wissenschaftlichen Feld findet das Cargo etwa in den Studien Peter Worsleys (The Trumpet Shall Sound, 1957), in Kenelm Burridge (Mambu, 1960) oder Peter Lawrence (Road Belong Cargo, 1964). Im Zuge des postkolonialen ‚Reboot‘ ist die anfängliche Begeisterung in Selbstkritik umgeschlagen, da sich in den klassisch-humanistisch geprägten Forschungsfragen eine starke Tendenz narzisstischer Selbstbespiegelung erkennen ließ. Man hatte seinen Untersuchungsgegenstand aus einer verniedlichenden Perspektive betrachtet und die Subversion des Cargokults als indigene Science-Fiction missverstanden. Die militärischen und akademischen Besatzer gingen nicht davon aus, dass der Witz auf ihre Kosten ging.

George Millers post-apokalyptischer Film Mad Max Beyond Thunderdome (1985) zeichnet die Romantisierung des Cargos sehr gut nach und entwirft die post-technologische Endzeitvision der 1980er-Jahre Pop-Kultur. Eine von der Außenwelt abgeschnittene Gruppe Teenager trägt hier Artefakte einer zerstörten Erdzivilisation zusammen und erklärt sie zu Reliquien. Ganz dem pandorischen Credo immerwährender Hoffnung verschrieben, erfinden sie einen neuen Heldenmythos und glauben an die messianische Wiederkunft von Captain Walker (Mel Gibson), der sie in das Tomorrow-Morrow Land führen wird. Die Prophezeiung erfüllt sich.

Abbildung der “Lost Tribe” mit Captain Walker.
Filmstill aus Mad Max Beyond Thunderdome (1985)

Tatsächlich fußt diese post-apokalyptische Darstellung Hollywoods auf eben den Forschungen melanesischer Inselkulte in den 1960ern. Die idealistische Vorstellung einer archaischen Zivilisation, die einen naiven Aberglauben kultiviert, hat jedoch wenig mit der Realität zu tun, denn die Anhänger*innen des Cargokults sind sich sehr wohl bewusst, dass das Cargo nie abgeworfen wird und, dass sich die Wunscherfüllung so nicht realisieren lässt. Sie betreiben ein Mimikry, das rein symbolischer Natur ist. Es hat mehr mit Subversion und Dekonstruktion, als mit Anbetung zu tun.

Geometrische Formen-Deklination nach Sol LeWit. Cargo Objekt, 2014

So, wie der Cargokult in übertragener und medial synthetisierter Form heute auf Peter Moosgaards Blog #vaporfolk erscheint, ist es also ein post-ironischer Kommentar auf heutige Konsum- und Technokulturen. Hier finden sich Reliquien zersplitterter Konsumfetische: Holz-Handys, gelebtes Neo-Tribal, postindustrieller Müll, sowie Beweise der Natur für das geologische Ausmaß der kapitalistischen Perversion und seines Güterverkehrs. Es hinterfragt die Glaubwürdigkeit und Richtigkeit des westlich-humanistischen Anthropozäns, denn die Fetische werden auch immer wieder von der Natur verschluckt und zerstört.

Objet trouvé. Eingewachsene Messampulle, Jahr unbekannt

Mit der Ordnung der Cargo-Dinge können die Subkulturen der Digital Natives und Kinder der beschleunigten Gesellschaft es kaum erwarten, die eigenen Konsumgüter und deren kapitalistischen Zeichensysteme, die (nach Baudrillard) zum Zweck der Stabilisierung des gesellschaftlichen Gesamtsystems aufrechterhalten werden, in die Hand zu nehmen und in den Zustand des Artefakes, einer historischen Attrappe, zu versetzen. Mit diesem Griff in die imaginäre Zukunft setzen sie sich über die eigene Lebenszeit und materielle Beschränkungen hinweg. So auch der Künstler, der im postmodernen Appropriationsmodus schon mal seine Idole in die Substrata der mythischen Erinnerung schickt, um selbst mit seiner pseudo-Kunst den White Cube zu erobern.

Duchamps Flaschentrockner als Cargo-Attrappe, 2014

Die symbolische Nachahmung der Blue Chips der Kunstgeschichte als Cargo ist so etwas wie eine Autoethnografie. Es ist gleichermaßen tiefenpsychologische Konsolidierung und aktive symbolische Analyse. Die abstrakt-archaischen Handlungen befriedigen das mythische und befrieden das magische Bewusstsein, das im Nebel der digitalen Daten-Cloud die Orientierung verloren hat. Mit dieser materialisierten virtuellen „Wirklichkeit“ als rituelles Vektorgitter lässt sich nun durch die allgemeine Orientierungslosigkeit wieder gemeinschaftlich manövrieren.

Supercargo Theorie, 2014.
Dreikantiges Pseudo-Modell des Supercargos (#vaporfolk). Collage aus der Dreifaltigkeit und Lacans „Super-Ego Schema“ (Seminar XX).

Somit liest sich #vaporfolk als utopischer Befreiungsschlag und nicht als post-humane oder apokalyptische Vision. Das Reverse-Historicizing, wie es hier gelebt wird, ist die letzte mögliche Utopie einer Hypermoderne, in der jegliche Struktur – vor allem das Verständnis für Aktualität – mit einem jederzeit verfügbaren digitalen Archiv und dem Produktionsmüll des Prosumers verschwimmen kann. Diese Atemporalität lässt das Mögliche in der Gegenwart kulminieren. In der rasanten Abfolge der Bilder deuten sich die künftigen Urformen postdigitalen Menschseins an.  

Der leider noch zu wenig entdeckte Kulturphilosoph Ernst Cassirer beschreibt 1942 in Versuch über den Menschen die Utopie noch als Hoffnungsträger, deren größte Bestimmung es ist, „Raum zu schaffen für das Mögliche, im Gegensatz zu einer bloß passiven Ergebung in die gegenwärtigen Zustände. Es ist das symbolische Denken, das die natürliche Trägheit des Menschen überwindet und ihn mit einer neuen Fähigkeit ausstattet, der Fähigkeit, sein Universum immerfort umzugestalten.“ (Cassirer 2007, S. 100)

150 Jahre nach Marx’ Das Kapital könnte die archaische Transzendierung des Konsums im #vaporfolk eine mögliche Exit-Strategie bedeuten. Das Artefake der Cargo Attrappe dient dazu, der Illusion einer drohenden Apokalypse zu entkommen und aus dem postfaktischen Zeitalter doch noch eine Vision der Hoffnung und Selbstermächtigung zu entwerfen.

Der Künstler auf dem Weg in die Zukunft.