THE FUTURE OF LIVING

„One must care about a world, one will not see.“

Bertrand Russell

 

In einem sind sich fast alle einig: 2016 war kein großartiges Jahr. Nun stellt sich also die Frage: Wird 2017 besser? Wohnen soll jedenfalls besser werden, sagen die Zukunftsforscher.

Shared Spaces, Co-Living und Creative Living sind die neuen Schlagworte in der Zukunftsplanung. Aber was passiert, wenn alles endet wie in der Dystopie High Rise von J.G Ballard, und wir alle nur noch den Moment leben wollen, bis wir an unserer eigenen Zukunftsverachtung zugrunde gehen? Oder wir alle nur noch Sklaven unserer smarten Phones sind, bis wir gar nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind und nur noch als social media existieren. Was passiert, wenn all die extravaganten Ideen für smart living vergessen lassen, was leben eigentlich ausmacht und wir uns nur noch gegenseitig übertrumpfen wollen mit immer ausgefalleneren Ideen von Community-Spacing-Projects ?!

Kristalline Wüstenarchitektur „City Sand Tower“ von OXO Architects London.

Na gut, manche dieser Zukunftsperspektiven sind ja gar nicht so schlecht: Wer braucht schon eine Küche wenn die Bewohner_innen fast nie zu Hause essen. In Tokyo gibt es bereits Häuser, die ein Küchen Buchungssystem haben. Das ließe sich doch auch schon mit einem Doodle umsetzen, oder? Und hätten wir nicht alle gerne einen Garten, aber nur die wenigsten einen grünen Daumen? Also teilen wir uns den Garten mit Nachbarn, die wissen, wie Gemüse angepflanzt wird und Salatpflanzen nicht mit Unkraut verwechseln.

Sauna-Sharing in Hollywood (ein Traum).

Auch das Badezimmer kann teilweise geteilt werden, denn wer steigt schon jeden Tag ins hauseigene Jacuzzi oder in die Privatsauna ?! Es wäre doch schade, wenn nicht nur die Küche, sondern das Bad ungenutzt blieben. Diese ausgesprochen kreativen Lebensenwürfe sind ein passender Trend unsere Zeit, denn wenn es im eigenen Leben wenig bis keine Veränderungen gibt, kann zumindest das Heim unendlich variiert werden. Aber wissen wir noch, was wir wollen? Verwechseln wir die sexy Wohntrends, die sich durch kluge Werbekampagnen in unseren Köpfen festsetzen, womöglich mit unseren eigenen realen Bedürfnissen? Wollen wir tatsächlich immer mehr? Oder wollen wir nicht vielleicht doch wieder etwas weniger?

„Down-Scaling“ und „Einsiedelei“ heissen die Gegenbewegungen zu hyper-futuristischen Kollektivierungs-Visionen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sagt: „Wie wir uns die Zukunft vorstellen, so wird sie zum großen Teil auch werden. Visionen des Morgen sind immer Projektionen unserer Selbst. Wenn wir unsere inneren Träume kennen, kennen wir auch die Zukunft.“ Vielleicht sollte aber nur eine gute Auswahl der hochfinanzierten und vielgepriesenen Visionen bzw. Projektionen Wirklichkeit werden.

Ausgefallene Entwürfe und Vorschläge kollektiver Lebensgestaltung waren schon zu vielen Zeiten en vougue – sogar mit Jenseitsversprechen all inclusive. Wien, Stephansdom.

Höher-Größer-Ausgestorbener. Das  französische Architekturbüro OXO Architects hat zum Beispiel ein Modell für eine vertikale Wüstenstadt entwickelt. Diese ist größer als das weisse Haus, höher als das Empire State Building und klingt ein bisschen nach dem Größenwahn, der sich breit macht, wenn zu viel Geld im Spiel ist. Die Medina, die Super-Mall und Luxushotell mit Wellness-Oase unter einem Dach ist für einen Bauplatz in der Sahara geplant. Die Energie soll von Solarzellen und Thermalwärme gespeist werden.

Insel-Entwurf von Vincent Callebaut Architects.

Das Architektenbüro Vincent Callebaut Architects glaubt wiederum daran, dass die Zukunft des Wohnens auf dem Wasser liegt: Künstliche Inseln auf denen bis zu 50 000 Menschen Platz finden sollen, schwimmen auf dem Ozean und lassen sich von der Meeresströmungen treiben. Blöd für die Bepflanzung, wenn sich das Klima ständig ändert.

Beide Visionen – die einer zur Wüste gewordenen Welt, sowie das Szenario einer Sintflut – sind je nach Breitengrad sehr wahrscheinlich. In Sachen kreativer Lösung für ökologische Desaster gibt es eine Eins mit Sternchen. Aber diese Visionen erinnern auch ein wenig an ein Vorhaben des prominenten chinesischen Künstlers Ai Wei Wei, der in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron das hochdotiere Projekt Ordos 100 umzusetzten begann. Hier wurden 100 Architekten aus aller Welt eingeladen, um in der mongolischen Wüste eine Stadt zu bauen. Das Vorhaben scheiterte an den exorbitanten Ausgaben und am Mangel an Planung. Alle Architekten hatten die vollkommene Freiheit zu bauen, was sie wollten. Das hatte zu Folge, dass niemand zusammen, sondern jeder für sich am individuellen Zukunfsmodell arbeitete. Quasi multiple universes in the desert. Ein teures Experiment, das nun wahrscheinlich als Geisterstadt in die Geschichte der utopischen Architekturformen eingeht.

Vielleicht ist es an der Zeit, aus den Fehlern zu ambitionierter Visionen zu lernen, und keine „Wohnmaschinen“ mehr zu konstruieren, in denen am Ende niemand leben kann, weil sie sich nicht als Lebensraum eignen. Vielleicht ist der Witz an der Vision, dass man sie als Vision beibehält und nicht in die Realität übersetzt, denn schließlich heisst es bei J. G. Ballard: „Sooner or later, every game becomes serious.“

Ist das Projekt vielleicht doch geglückt, wenn der Gemeinschaftsgarten die Hausfassade antlang kriecht, weil keiner das Unkraut vom Salat unterschieden konnte?