JETZT SPRECHEN DIE ERWACHSENEN

In Wien braut sich etwas zusammen: Die Initiative Adults For Adults „Citizens Against Patronizing Politics“ schließt sich gegen den Nachwuchs zusammen, um ihnen den Sex, die Sprache, Kunst und Politik zu erklären.

Endlich übernehmen sie das Ruder!

Das politische Klima in Österreich hat sich stark nach RECHTS gedreht, und scheinbar zieht ein konservativer Wind auch schon durch die Flure der Institutionen und Ausbildungsstätten. Jedenfalls gibt es eine Initiative von Akademiker*innen, die sich dazu verpflichtet fühlt, auch mal auf die aktuelle Kunst zu hacken und den Aufklärungsdrang der Millennials zu bändigen. Die sind nämlich gerade dabei, soziopathische Abhängigkeitsverhältnisse und Machtmissbrauch an Institutionen, Hochschulen und in Parteien aufzuklären. Man hat fast das Gefühl, dass sich die moralisch Abgehängten des digitalen Wandels hier zu Wort melden, denn es werden die verstaubten Mantras alt-Marxistischer Kollektivitätspolitik wiederholt, ohne die eigene Ideologie auf den Prüfstand zu stellen oder mal einer Aktualisierung zu unterziehen. Könnte auch sein, dass die „Alten“ im Marx-Jahr 2018 jetzt einfach nur mehr Umsatz machen wollen und deshalb auf das Kapitalisten-Bashing aufspringen. Auffällig ist, dass sich die Bewegung immer wieder der gleichen Empörungsstrategie bedient.

Riechen wir da etwa den Opportunismus des frustrierten Mittelbaus? Sägt da jemand an den Lehrstühlen der Wiener Hochschullandschaft, die in den vergangenen Jahren weiblicher, transdisziplinärer, demokratischer und digitaler geworden ist und mit progressiven Vorschlägen (gerade bei den Studierenden) durchaus positiv aufgefallen ist?

Unser „sensibilisierte“ Autor mit deutsch-vietnamesischen Wurzeln hat den erwachsenen Cholerikern etwas zu sagen.

JETZT SPRECHEN ALSO DIE ERWACHSENEN ?

 

Im Ausklingenden Jahr 2017 ist auf DerStandard.at die Meinung des – in seiner Heimatstadt Wien hauptsächlich bekannten – Feuilleton-Philosophen Robert Pfaller aufgepoppt, der sich seit einiger Zeit mit einer Reihe namhafter Persönlichkeiten der Kunst, Kulturwissenschaft, Philosophie (zumeist aus Österreich) und gescheiterten Politikern am Aufklärungsdrang der „Jugend“ abarbeitet. Er kritisiert den – aus den USA importierten – politisch korrekten Zeitgeist in Kultur und Politik.

Der postmoderne Philosoph ortet zurecht den Bankrott seiner eigenen mini-Epoche und will die politische Linke aus sich heraus mit Erwachsenensprache reformieren. Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass sich das Rote Europa in den kommenden Jahren selbst noch mehr zersägt, als es ohnehin schon geschafft hat. Man hat zu große Angst davor, sich den schmerzhaften aber wichtigen Fragen zu stellen und tritt tolpatschig von Näpfchen zu Näpfchen. Schuld ist natürlich nicht die Generation der 50-65 Jährigen in den Schlüsselpositionen (Professor*innen, Künstler*innen, medienaffine Autor*innen etc.) sondern der Nachwuchs, der sich mit Hilfe von Triggerwarnungen sowie politisch korrekter Sprachregelung dem Erwachsenwerden verweigert. Oha! Die Zensur der neoliberalen Indigo-Kinder sei sogar Lustfeindlich. Kunst und Politik kapselten sich in pseudo-debatten ab, anstatt der härte des Lebens ins Auge zu schauen. Sie brauchen jetzt einen „offenen Raum der Erwachsenheit“, den uns der Patron Pfaller bietet.

KUNST

Klickte man auf die letzte Internetpräsenz dieser überreifen Früchtchen des deutschsprachigen Kultur-Adels, so fand man bis vor Kurzem unter „Kunstpolitik“ eine eher unausgereifte Collage von Zitaten, Plattitüden und Meinungen über die neoliberalen Anthroposophen der neuen digitalen und alten globalisierten Kunstwelt.

Screenshot der alten Seite www.adultsforadults.eu/ Kunstpolitik vom 09.01.2018 (Teil I).

 

Dort wurde gegen die vergangenen Documenta-Programme gewettert, besonders aber die kuratierung Okwui Enwezors 2002 oder das ‚moralisierende’ Ausstellungskonzept Adam Szymczyks 2017 als Negativ-Beispiele hervorgehoben.

Screenshot der alten Seite www.adultsforadults.eu/ Kunstpolitik vom 09.01.2018 (Teil II).

Auch das Programm der Wiener Festwochen 2017 kam bei den übersättigten Kulturpessimist*innen nicht gut an. Man sei dort „verloren in Diskursen“ und zog die Migrant*innen nur auf die Bühne aber nicht ins Publikum.

Dass bei der Aufführung der Lieblingsoper kommunistischer Volzeit-Intellektueller „Das Floß der Medusa“ von Werner Henze im Herbst 2017 im Rahmen von Wien Modern auch keine Migrant*innen im Publikum saßen, ist keinem aufgefallen – wäre ohnehin eine Überraschung. Spricht die gut situierte Hoch-Kultur doch eher die Altersgruppe 50Plus mit bio-deutschen, bzw. bio-österreichischen Wurzeln an. Zielgruppe: Vollgebildete Erwachsene. Mein Vater, der in Vietnam geboren wurde, wäre irritiert, wenn er wüsste, dass das Stück tatsächlich mit „Ho Chi Minh“ rufen ausklingt. Das Bildungsbürgertum schluckt aber auch alles. Jede Szene hat ihre Leitkultur. Im deutschsprachigen Raum fällt es Migrant*innen erkennbar schwer, sich in die Codes von Mitte, Rechts und Links einzufügen – komisch.

Die Wiener Festwochen 2017 haben die multicouleur der aktuellen Kunstwelt repräsentiert und Wien endlich auf die Landkarte zeitgenössischer Performance und Musik gebracht. Ein Bewusstsein für die Problematik von Migrant*innen im akademischen und kulturellen Umfeld wurde damit zumindest angerissen. Dass sich in den Schlüsselpositionen kaum fremd klingende Namen finden, wollen wir jetzt mal nicht ansprechen. Dieses Mal fühlten sich die vollgebildeten Erwachsenen aber vom Zielpublikum ausgeschossen. Ist doch auch mal okay für ein Jahr, oder?

Screenshot der alten Seite www.adultsforadults.eu/ Kunstpolitik vom 09.01.2018 (Teil III).

Der generelle Skeptizismus gegenüber künstlerischen Positionen außerhalb des eurologischen Kanons ist verpackt in eine Parteinahme, die wiederum den (migrantischen) Kurator*innen eine imperialistische Bevormundung unterschiebt. Dieser Beobachtung kann ich als deutsch-vietnamesischer Künstler nicht ganz zustimmen. Die Ausrichtung der Institutionen an postkolonialen Debatten hat mir erst die Tür zur Kunstwelt geöffnet. Ich habe mich niemals bevormundet gefühlt und dass man im deutschsprachigen Raum Probleme mit der Folklore hat, liegt zum großen Teil daran, dass die Aufarbeitung der Ursachen und das Nachwirken des Nationalsozialismus nicht befriedigend aufgearbeitet sind. Wir sehen, dass es in Europas Zentrum gewaltig spukt und sich niemand in den Schlüsselpositionen dazu äußert, sondern lieber mit Fragen des Lustgewinns profiliert. Was bereitet den weißen HERREN Lust an der Unterwerfung? Wozu dient Ausgrenzung sonst, als das eigene Machtmonopol zu erhalten? Ist es zivilisiert, anderen – Mitmenschen und Umwelt – bewusst Schaden zuzufügen (Stichwort Rauchen)?

 

„Morgen mach ich blau“ – Ob hier links im Bild eine versteckte Botschaft liegt? Adults for Adults tragen eine waldgrüne Pilz-Socke und posten auf Facebook SPÖ-rot. Vielleicht müssen sich Strache und Pfaller aber bald nicht mehr heimlich in der Raucherecke treffen.

 

Der pamphletischen Assemblage von Adults for Adults fehlen handfeste Argumente oder eine Definition, was „relevante“ Kunst von „nichtrelevanter“ unterscheiden soll. Die Frage, wer darüber entscheidet, wird ebenfalls offen gelassen. Kuratoren sind es jedenfalls nicht. Möglich, dass sich der Anführer des Aufstandes, Pfaller, nicht weit weg vom Zentrum der Macht sieht.

Screenshot der alten Seite www.adultsforadults.eu/ Kunstpolitik vom 09.01.2018 (Teil IV).

In seinem Buch „Erwachsenensprache“ herrscht ein latenter Anti-Amerikanismus. Hier überschneiden sich auf merkwürdige Art Verschwörungsphantasien, die man eher der konservativ-rechten zuschreibt, mit dem Bild der einflussnehmenden und NATO-gesteuerten Kunstwelt des Hardcore-Hegelianers. Wäre schön, wenn die Kunst tatsächlich so viel Wirkkraft hätte!

Vermutlich kommt man mit den Anforderungen, die das schlimme anglikanische Bachelor-Master System stellt, nicht mehr klar und schlägt zurück. Achtung, Achtung: Das Lehrpersonal an Kunsthochschulen muss jetzt tatsächlich Lehre anbieten und kann nicht nur amerikanische Serien in ihren Vorlesungen schauen. Studierende aus bildungsfernen Familien guckten da schon mal in die Röhre.

Das Problem, so die Erwachsenen, ist aber nicht etwa die Jahrzehnte lange Ignoranz der Bildungselite, sondern das falsche Verständnis derjenigen, die sich in den letzten Jahren um den Begriff der „künstlerischen Forschung“ bemühen oder die Förderung von Minderheiten. Abstiegsangst herrscht also mittlerweile nicht nur bei den Wutbürger*innen, sondern auch bei den Ausgezehrten des Wissenschaftsbetriebs.

Die Erwachsenen fordern deshalb:

Screenshot der alten Seite www.adultsforadults.eu/ Kunstpolitik vom 09.01.2018 (Teil V). Den Ratgeber für Erwachsene gibt es jetzt nurmehr in der NATO-Sprache Englisch.

Wo kämen wir aber hin, wenn nur die Kulturwissenschaften darüber entscheiden, was künstlerische Praxis oder eine künstlerisch-forschende Methode sein kann, was Kunst und Nicht-Kunst ist? Eine Steilvorlage für den nächsten Punkt:

SEX

 

VICE-Artikel „Gruppensex ist ein logistischer Albtraum“. Illustration: Wikimedia CommonsÉdouard-Henri Avril | Public Domain

 

Eine Frauengruppe der Initiative Adults for Adults hat sich nun auch als Sprachrohr mobilisieren lassen und ein recht peinliches Statement zur #metoo Debatte abgeliefert. Bei der Durchsicht des Artikels erkennt man sofort die politische Agenda: Es ist ein Versuch, den Ex-Grünen Peter Pilz zu rehabilitieren. Dieser war 2017 wegen schwerwiegenden Vorwürfen sexueller Annäherungen zunächst aus der Partei „geschwiegen“ worden und sieht sich nun mit tatsächlichen Ermittlungen konfrontiert. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Seine Mitarbeiterin hat nach Monaten der Anmachen Beschwerde gegen Pilz eingereicht; Man hat sich auf gegenseitiges Stillschweigen geeinigt; Als Mitglied der „sensibilisierten“ Partei der Grünen war er nicht mehr zu halten und wurde als Chef nicht wieder gewählt; Pilz tritt mit großem TamTam aus und gründet seinen eigenen Club und klaut der grünen Basis die Agenda. So dicke Eier muss man erst mal haben!

 

 

Den Grünen hat das mitunter den Kopf gekostet. Die politische Ausweglosigkeit der Linken wird nun damit kompensiert, den Sündenbock in der Hetzjagd und narzisstischen Kränkung junger Feminist*innen zu lokalisieren, bzw. sie dem Willen der „sensibilisierten“ Männer zu unterwerfen, die sie – ihrer Ansicht nach – erst zum Aufschrei gebracht haben (HAHA).

Nicht das Opfer ist schuld! Der politische Akteur hat sich selbst überschätzt und nicht zum richtigen Zeitpunkt als Erwachsener gehandelt. Dann nämlich, als sich seine Hose wölbte und er dachte: „Die Kleine mach ich jetzt mal locker flockig an. Wenn es heute nicht klappt, versuche ich es morgen wieder.“ Der Arbeitsplatz ist kein Softporno. Der Vorlesungsaal auch nicht. Ob allen Dozent*innen bewusst ist, dass die Hörsäle in den öffentlichen Gebäude der Unis mittlerweile durch Kameras überwacht werden (schreckt da jetzt jemand auf)?

(Sex)Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen heute leider immer öfter – vor Allem, wenn die eigene Jugendlichkeit und Denkfähigkeit nachlässt.

 

 

Es scheint hier tatsächlich ein Generationenkonflikt aufzuflammen. Die Millennials als Frucht der Postmoderne, Kinder der Affären sexuell befreiter Baby-Boomer versuchen aktuell auf den Ruinen der europäischen Institutionen (in den vergangenen Jahrzehnten schön ausgesaugt) Halt zu finden und sich eine Zukunft aufzubauen. Schlechte Bezahlung, befristete Stellen, steigende Mieten in Großstädten – gerade die Bereiche Bildung und Kultur ächzten seit Jahren unter diesen Entwicklungen. Ständig auf dem Zahnfleisch kriechend, dann das Versprechen durch ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem/er Vorgesetzten, Lehrkraft oder einflussreichen Protagonist*innen doch nicht in den finanziellen Abgrund zu schlittern.

Ist das wirklich mit einer politischen STRATEGIE, also dem Kampf „für die Sache“,  aufzuwiegen? Davon mal abgesehen, dass die adulten Damen dem Opfer tatsächlich die Glaubwürdigkeit absprechen. Reality-Check: Sabine Wagner-Steinrigl hat eine pointierte Klarstellung aus der therapeutischen Praxis formuliert. Frauen sind heute mit ziemlich hässlichen Übergriffen in rechtlichen und moralischen Grauzonen konfrontiert. Schon mal was von Stealthing gehört? Ganz schön abtörnend!

 

 

Es scheint so, als seien nur wenige Menschen so gutmütig als das sie die Gelegenheit nicht ausnutzen, um andere zu erniedrigen. Das fällt natürlich leichter, wenn man solche Abhängigkeitsverhältnisse aus „guten alten Zeiten“ gewohnt ist. Das hat aber nichts mit sexueller Befreiung zu tun. Einem Priester würde man dieses Argument auch nicht abnehmen, wenn er sich an seinen Messdienern vergeht. Mentor*innen haben eine Verantwortung! Missbrauch ist von Generation zu Generation ansteckend und die Kunstwelt beweist sich als besonders anfällig dafür. Man wünscht der Generation 50Plus, die sich in ihrer Analyse am Besten in der Selbstreflektion gefällt, doch endlich den Spiegel zu zertrümmern. Sie gefallen sich gerade selbst zu sehr und das könnte zum viel größeren Problem werden.

Wie war das doch gleich bei Lacan? In jedem Raum hängt (mindestens) ein Auge. Die Erkenntnis, dass dieses Auge zum großen Teil aus unseren eigenen Widersprüchen, Fragestellungen und Komplexen besteht, ist eine Fähigkeit, die sich die Generation Y erarbeitet hat. Wir wollen uns nicht mehr an der Empörungsmaschinerie beteiligen und uns aus krankhaften Abhängigkeitsverhältnissen befreien. Wir sind nämlich viel zu sehr damit beschäftigt unser Monatseinkommen zu sichern, an der Karriere und hoffentlich noch an der Liebe zu basteln.

Wer ist nun das Kind?