Der Wert Der Freiheit

Aus dem Bildergeballere wird unser Wiener Empörungsbürger nicht mehr schlau. Anlässlich der Ausstellung Der Wert der Freiheit (19.09.2018 – 10.02.2019 im 21er Haus Wien) hat er sich an uns gewendet, um seine Wut über die Ausstellung und die Machtlosigkeit der Kunst im Allgemeinen zu kanalisieren.

Der Wert der Freiheit – ein Titel, der eher ein Produkt eines Brainstorms gemäßigter Humanisti*innen erinnert, als die“radikale“ Ausstellung, wie sie derzeit im 21er Haus des Belvedere Wien zu sehen ist. Die einzige Freiheit, die in dieser Ausstellung wirklich zum Ausdruck kommt, ist jene des Kurators, der sich alle Freiheit herausnimmt, ein aktuell so wichtiges Thema in die Belanglosigkeit zu diffundieren. Man hat den Eindruck, als wären so ziemlich alle Themen, die bei einem solchen bildungsbürgerlichen Geistesblitz aufkommen könnten, einfach irgendwie akkumuliert. Ohne roten Faden, ohne Zusammenhang, vollkommen kraft- und inhaltslos. So, als hätte es zudieser Frage niemals einen Kontext gegeben, als hätte es die Geschichte des 20.Jahrhunderts nicht gegeben, als könnte man auftreten wie der Erfinder dieser Frage. Nichts ist daran neu. Bleiben wir aber beim Werkzeug der Kritik: Würde es schon wieder politisch, dann gäbe es wohl keine l´art pour l´art mehr. Dann wäre die Kunst zu unbequem, weil sie Erklärungsbedarf oder Deutungsbedarf einforderte. Man hat es sich hier zu einfach gemacht.

Anna Meyer: Postfaktivist_Innen/Datatower, 2018

Im letzten Jahr wurde das Scheitern der genialen Dilletant*innen in der Kunstindustrie seit den 1980er Jahren wiedermal ausgepackt und ausgesprochen gefeiert. Man könnte sagen, dass Der Wert der Freiheit ein Höhepunkt in dieser Würdigung ist – als würde es noch irgendjemanden noch vom Ofen vor holen, wenn Künstler*innen bewusst schlecht malen, singen oder bildhauern. Man stellt sich die Frage, was das eigentlich soll. Ist es wirklich ein Versuch, eine politische Ausstellung zu machen? Ist es eine Eigenkritik des Museum, das offen auf die schlechte Beratung hereingefallen ist? Ist die Avantgarde auf permanenter Suche nach dem Neuem nun zur Trivialität pervertiert? Möchte die Ausstellung einfach ein Konvolut aus Ideen repräsentieren? Haben wir es in Wirklichkeit mit einer Kritik des Status quo unter dem Deckmantel der Kunst?

Die Besucher*innen werden mit Bildern zugeschüttet, bis sie nicht mehr weiter wissen und im Delirium ihrer Verwirrungen aus der Institution in die Wirklichkeit hinaus stolpern. Ohne zueinander oder zu irgendetwas in irgendeiner Weise Bezug zu nehmen, stehen die Arbeiten in der Ausstellungeng verschachtelt zueinander, als wären sie dem Kurator an Ort und Stelle am Display seines iPhone aufgepoppt. Lauter Anspielungen, angerissene Kontexte, jedoch weder eine konkrete Frage, an der man sich reiben kann, noch eine Aussage, an der man andere an sich reiben lässt.

Carola Dertnig, Again Audience Edited, 2012 (ongoing)

Aber wenn nicht einmal Fragen gestellt werden können, wie sollen dann Antworten zum Wert der Freiheit gefunden werden? Wird das Museum hier nicht selbst zum Konsumtempel? Im Finale von Post-Truth wird hier doch der letzte Ort der Freiheit selbst konsumiert. Nur als Begriff taucht die „Freiheit“ als Leuchtreklame im Hintergrund der Selfiestation auf. Das Schlagwort der Ausstellung – schön fotogen als Schriftzug – das man dann in die Timeline der persönlichen Medienrotation einspeisen kann. Das ist dann Beweis, dass man zumindest in den sozialen Medien als Content-Sklave zeigen kann, im Sinne der Freiheit zu posten. Schade, dasses leider wenig Effekt auf die Wirklichkeit hat. Die Zuckerl der Likes, das zucken des Fingers trainiert leider nicht den Muskel des Verstandes, sondern konditioniert nur auf die Belohnung des digitalen Schwarms oder deren Bots.

Karin Ferrari: Videostill aus DECODING US TV News Intros (THE WHOLE TRUTH) Pt. 1, 2018

Das Bild im Netz und das Bild in der Kunst ist mittlerweile nur noch ein Alibi, um nicht mehr ernsthaft über die Welt und ihre Zusammenhänge – auch die eigene Komplizenschaft – nachzudenken. Ein Alibi, um gemütlich weiter Party zu machen und nebenher kritisch zu sein, weil man ja Kunst im kritischen Diskurs macht. Nur wenn man Glück hat, ist diese auch mal wirklich politisch. Alles halbgekochte, abgekupferte Ideen, die aushalbgelesenen Büchern und halbgesehen Filmen und halbgedachten Gedanken entspringen. An den vielen Blasen sieht man, dass zur Zeit hauptsächlich mit Luft gekocht wird. Das sieht man an der Komfortblase, der Kunstblase, der Medienblase – ganze Städte und Smartphone-Screens schäumen aktuell vor tausenden individuellen Konsumblasen.

Ilma Gore: The Loo-uis Vuitton Toilet, 2017 (nicht in der Ausstellung)

Oft sieht man wie sich die – vorher ach so kritische – Kunst dann doch von der Luxusindustrie vereinnahmen lässt und so abgehoben und poliert von den Menschen entfernt, die sich nur noch als Konsument*innen mit ihr austauschen können. Was passiert, wenn diese Blase platzt? Wird das die Kunstaktion des Jahrhunderts? Der POP!, der Kurator- und Künstler*innen aus der Kunst katapultiert!

Trotz alledem glaube ich an das aktivistische Potential der Kunst und Künstler*innen. Ob sich aber unsere Unfreiheit im Fangnetz der digitalen Gerätschaften über die Ausstellung Der Wert der Freiheit wirklich vermitteln lässt, ist zu bezweifeln. Dem Ärger freien Lauf gelassen, wandelt sich meine anfängliche Wut in Resignation um. Die gegenwärtige Kunstwelt lasse ich sicher nicht gewinnen! Ich schreibe und schreite weiter.

Beitragsbild: Šejla Kamerić, Liberty, 2015