#ScreenTime

Wer hat sie nicht auch schon auf Facebook blockiert, weil sie den Feed verstopft? Innsbruck widmet der Social-Media-Queen in Person INFLUENCA nun eine Ausstellung. Unter dem Titel #ScreenTime stellt die Medien- und Performancekünstlerin Barbis Ruder in der Neuen Galerie der Tiroler Künstler*innenschaft ihr Alter-Ego aus (06.12.2018-02.02.2019).

Die Mensch-Marke INFLUENCA präsentiert sich dem Publikum (Fotocredit: Daniel Jarosch).

Pop ist tot und wandelt in Gestalt von INFLUENCA, einem unsterblichen Grusel-Zombi, nun auf Instagram und verspricht Erlösung durch Klicks und Likes. Sie verkörpert einen invertierten Messias, die nicht das Ende der Welt verkündet, sondern uns daran erinnert, dass unsere peinlichsten Handlungen auf Servern, in unserer Timeline und in Memes aufgezeichnet sind – für immer (oder solange der Atomstrom läuft).

INFLUENCA ist Mensch-Marke und Prosumer-Beraterin, die wie ein glitzernder Phoenix im Frühjahr 2018 aus der Asche des Facebook-Skandals um Cambridge Analytica aufgestiegen ist, um uns auf den richtigen Pfad zu bringen, damit auch wir uns durch sie zur Schau stellen können. Das hat natürlich seinen Preis.

INFLUENCA ist Kind der Aufmerksamkeitsökonomie und deutet als Urenkelin Andy Warhols seine Vorhersage aus dem Jahr 1968, dass jede und jeder in Zukunft für 15 Minuten weltberühmt sein wird, gewinnbringend um. Sie verkauft Sendezeit sowie die Aura des White Cubes einfach aus.

Die 15 Minuten wurden auf max. 3 gekürzt und kosten € 6,66/Minute!

FPÖ Bestattung @drawvolutionden. Werbevideo für den INFLUENCA Logofriedhof.

INFLUENCA ist Wächterin über den LogoFriedhof, auf dem wir Lebenden Abschied von den toten Zeichen nehmen können. Sie gibt Anleitung zur Überwindung von gescheiterten Projekten, Organisation oder ehemaligen Arbeitgeber*innen. Wir können uns symbolisch gegen Kleinkariertheit, Rassismus und die Pseudo-Kultur des Neoliberalismus auflehnen.

Weltraumbestattung eines alten Logos der KÖR Tirol
(Tiroler Künstler*schaft) am Eröffnungsabend, 5. Dezember 2018 (Fotocredit: Daniel Jarosch).

„Sichtbarkeit ohne Inhalt ist ihr größtes Kapital.“ – So steht es in INFLUENCAS Manifest und damit setzt sie auch zum Frontalangriff auf die Scheinheiligkeit der bildenden Kunst an.

Schon längst ist der Auftrag von Museen und Institutionen nicht mehr das Fördern künstlerischer Positionen und der Kultur. Er ist von der Forderung ersetzt worden, hohe Besucherzahlen zu generieren und neue Zielgruppen zu erschließen – bei gleichzeitigen Kürzungen des Budgets. Einziger Ausweg aus der Ausbeutungsspirale ist also die totale Affirmation dieser neoliberalen Strategie. Mit der Kunstfigur INFLUENCA entwirft Barbis Ruder neue Kulturtechnologien aus Konsumtechniken. Zwar greift sie die ständige Verfügbarkeit als Mensch-Marke auf dem Prosumer-Markt der sozialen Medien auf, aber invertiert das Spektakel durch dessen konsequente Übersteigerung.

Triptychon in der Ausstellung #ScreenTime, 2018 (Fotocredit: Daniel Jarosch).

In dieser Ausstellung begegnen einem oberflächlich das aggressivste Kunst-Marketing, die leersten Worthülsen und der kitschigste Trash, den man sich vorstellen kann. Gleichzeitig bekommen wir einen gnadenlosen Spiegel vorgehalten. Ist aus dem so kunstvollen und erfinderischen Homo Sapiens Sapiens, der aus einfachsten Mitteln hoch spezialisierte Werkzeuge entwickelte, wirklich nur ein rücksichtsloser Agent geworden, der nach Selbstdarstellung und Gewinnmaximierung strebt? Können wir diesen neu geprägten Homo Oeconomicus noch zur Besinnung bringen oder wird sein Belohnungszentrum in Zukunft nur noch von Geiz befriedigt?

Aufgeschlitzt am Quantifizierungswahn objektivierender online Bewertungen, Zerbrochen an verfehlten Gewinnzielen sind auch wir Kompliz*innen des Markts. Speisen ein und ziehen heraus, was wir können. Wir arbeiten für den Shareholder Value, sobald wir auf die Billig-Angebote großer Handelsketten reagieren oder mit dem Daumen zum „Like“ ansetzen. Omas Taschengeld, sofern es aus dem Pensionsfonds kommt, ist Output dieser Spriale. So raffiniert ist das Gespinst um uns herum gewebt.

„Selfie-Time“ mit den Besucher*innen vor der Sponsor*innen Wand

Nostalgisch erinnern wir uns an die schöne Zeit, als wir den industriellen Fabrikeigentümern buchstäblich aufs Dach steigen konnten, während heute die selbsternannten Wirtschaftsrevolutionäre und deren Spin-Doctoren von Facebook, Amazon, Uber, Foodora oder AirBnB unsichtbar bleiben und sich steuerlich aus der Verantwortung ziehen.

INFLUENCA ist die Beschwörerin Neu-neoliberaler Kulturen und der Disruption Economies. Sie ist wie die funkelnde Asche des jetzt verglimmenden Kapitalismus.