PORNHUB@BELVEDERE

Fassungslos, empört, in einem cholerischen Anfall ist unsere Reviewerin von der Attersee Eröffnung im Belvedere zurückgekommen. Zu sehen ist diese S(ch)au bis zum 18. August. Also noch sehr viel Zeit, um sich aufzuregen…

Kitsch und Sex. Das sind die Themen des Christian Ludwig Attersee, der gerne davon spricht, die Welt „Atterseeisieren“ zu wollen.  Dabei hilft ihm nun das Belvedere21, in dem es ihm eine Jahresausstellung widmet. Wie kommt es dazu? Ist es wirklich notwendig, den vermutlich kommerzialisiertesten Künstler Österreichs wiedermal ins Museum zu zerren?  Aschenbecher, Uhren, Kleider, Kaffeeservices, Cola-Dosen, Ski, Weinetiketten, Spielkarten, Wurstverpackungen und Hausfassaden hat der mit AktionistEN freundelnde Pop-Artist schon designt. Er hat bisher nichts ausgelassen, um sich und seine Kunst schamlos zu vermarkten.

Prachtfassade (1996) des Allroundkünstlers Christian Ludwig Attersee. Heute ziert es die H&M Filiale in der Mariahilferstraße.

Nach dem Skandal um die ÖSV-Werbeplakate (Der Standard 15.12.2018), auf denen eine nackte Frau beim Skifahren zu sehen ist, will man offenbar dem ÖSV aus öffentlicher Hand und mit kunstbetrieblicher Freunderlwirtschaft helfen, das Image wieder aufzupolieren. Das Plakat von 1998 mit gleichem Sujet, das nach den Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem ÖSV eine neue Dimension bekommen hat, legt man 2019 im Belvedere wieder auf! Soll so der sexuelle Missbrauch, die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, über Jahre im Skiverband verschwiegen, etwa normalisiert werden?

Christian Ludwig Attersee: Kärnten das Mölltal (Führer für außerirdische Wesen durch Österreich), 1965

Ein Blick durch den fast erschlagenden Umfang der Ausstellung: Überall Brüste und Penisse, Spritzphantasien eines machistischen Möchtegern-Genies. Wer sich angegriffen fühlt, der ist wohl zu prüde oder hat ein Problem mit Sexualität – so die Antwort auf Kritik und dem Vorwurf des Sexismus. Eine produktive Debatte kann man so natürlich verstummen. Dabei handelt es sich bei den Kitschorgien um pornographische Darstellungen, die Frauen immer nackt, meist mit gespreizten Beinen in der Penetration verharrend darstellen. Sie werden in Attersees „Heimat“- Serie von Außerirdischen mit Riesen-Penissen davongetragen und freuen sich sichtlich schon auf den bevorstehenden, extraterrestrischen Gang-Bang. Von Vergewaltigung würden ja nur noch prüde Menschen sprechen, die ihre Sexualität und Phantasien nicht ausleben könnten. Die blonden Frauen im Bild grinsen. Sie warten nur darauf, hergenommen und durchgenudelt zu werden. Hauptsache der Penis kann penetrieren!

Christian Ludwig Attersee: RampiRampi, 1988. CD Cover.

Besonders widerlich ist eines von Attersees CD-Covers, das er 1980 gestaltet hat. „Rampi Rampi“, der Titel – im Haufen des postmodernen Anything-Goes-Trash sicher ein Hit gewesen. Auf dem Cover ist das Bild eines jungen Mädchens (vermutlich 11-12 Jahre) mit nacktem Oberkörper. Ihr Blick zwischen Scham und unschuldiger Verführung. Ein Segelschiff, für den Künstler in der Schau offensichtlich ein phallisches Symbol, penetriert ihre Eingeweide. An einem anderen Ort, wäre das sicher zensiert worden. Im Namen der Kunst sind solche pädophilen Phantasien anscheinend okay. So unschuldig, wie es der Künstler gerne hätte, ist diese Collage leider nicht.

Da verwundert es nicht, dass auch ein Vagina-Objekt ausgestellt wird, an dem man mehrmals die Defloration nachspielen kann. Es sei ja „Lust für Frau und Mann“, so das Statement in der Werkbeschreibung. Schreiben wir wirklich noch das Zeitalter des Null-Wave-Feminismus oder ist es schon 2019?! Ist das Ihr Ernst, Frau Rollig? Ganz offensichtlich sollte sich das Belvedere 21 in dieser Sache updaten.

Nur weil auch nackte Männer vorkommen und Attersee selbst gerne (halb)nackt posiert, ist das noch lange keine Genderthematik und rechtfertigt keinesfalls die Objektivierung der Frau als Lustobjekt. Titel wie „Das Segelschiff hilft den beinamputierten Mädchen beim Pflügen“ sollten einfach nicht vorkommen. Auf englisch ist die Redewendung des „Pflügens“ auch sexuell konnotiert, was bekannter Weise zu einem perfiden Wortspiel der Republikaner im Kavanaugh Prozess wurde.

Spaniens Karl II (1661-1700). Eine These besagt, dass die charakteristische Habsburger Unterlippe durch dynastische Endogamie (Inzest) hervorgerufen wurde.

Zu hören, dass die #metoo-Debatte als Modeerscheinung abzutun sei und als „rückschrittliche Prüderie“ abgestempelt wird, ist schier unglaublich. Sexueller Missbrauch und die Ausbeutung von Frau, Kind und auch MANN sind Themen, die angesprochen werden müssen. Wir alle sind nämlich die Opfer der sadistischen Illusionisten, die sich gerne als Genies tarnen, um durch Manipulation Abhängigkeiten zu Ihrem Vorteil auszubauen. Es sollte doch um die langfristige Veränderung und Gleichheit im Zwischenmenschlichen gehen. Diese Ausstellung ist so altbacken, es ist zum verzweifeln! Peinlich für den Kultur-Standort Wien. Das Land, das eine Tradition der Keller-Affären, Inzest-Geschichtchen (Habsburger-Unterlippe) und Pädophilen-Sekten (Otto Mühl) hat, sollte sich dem Diskurs wirklich nicht verweigern. Nur weil man denkt, es sei normal, ist es das noch lange nicht. Der Blick sollte da schon mal über die eigene Staatsgrenze hinausgehen. Kritik an Missbrauchsverhältnissen als Bigotterie abzustempeln ist ein ziemlich lahmes Argument, dabei hätte das Museum, als Stätte des Diskurses, doch das Potential der Normalisierung von Sexismus und Pornographie in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken.

Diese Ausstellung ist ein Skandal. Sie ist ein Rückschritt und eine Befürwortung menschlichen Missbrauchs. Frau Rollig singt ein Hoch auf das Patriarchat und vergoldet den männlichen Blick mit öffentlichen Mitteln.  Prost, Österreich! Und auf die Kunst! Möge die Vergangenheit noch viel länger mit Euch sein, als Ihr es Euch gewünscht habt!