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MARKE: KUNST

MARKE: KUNST

Ein Blick nach China in die No-COVID-Zone.

Ich fühle mich jet-lagged nach 11 Stunden im Flugzeug von der EU nach Shanghai. Leider kann ich es mir nicht leisten, meinen Tagesrhythmus ganz vermurksen lassen – der alte weiße Mann im Flugzeug mit den weiten Knien und der außerordentlichen Geselligkeit hat mir schon den Schlaf geraubt. Für einen ersten Spaziergang durch den Großstadtdschungel Shanghais kann ich mich daher erwärmen und spüle mir die Koffeintablette mit einer Flasche FIJI Wasser herunter und marschiere los. Während nämlich die gesamte Welt durch die COVID-19-Epidemie verlangsamt worden ist, geht es hier in China – wo der Virus seinen Ausgangspunkt genommen hat – erstaunlicherweise ziemlich normal zu. Shanghai, eine Metropole mit rund 23 Millionen Einwohnern, dem größten U-Bahnnetzwerk der Welt und einem der größten Häfen weltweit. Die Stadt der Superlative hat beinahe doppelt so viele Schiffscontainer (ca. 40 Millionen) wie Einwohner, die chinesische Waren in die ganze Welt bringen. Was für ein Anblick! Das spiegelt sich auch in der Kunst nieder.

Yangshan Deep-water Harbour Zone, Port of Shanghai. Das Meer ist weit und breit nicht zu sehen. Quelle: Alex Needham (Creative Commons)

Kaum ein anderer Ort in der Welt hat so viele Kunstwerke im öffentlichen Raum aufgestellt – von bunten Kühen bis zu abstrakten Brunnenornamenten, von vergoldeten Konsumgegenständen zu bunten Blobs. Der Fantasie wurden und werden hier offenbar keine Grenzen gesetzt.

Rendite schläft hier nur auf symbolischer Ebene.

Auch das China Art Museum, ehemals EXPO Pavillon (2010), ist Kunst im öffentlichen Raum. Oder muss man nicht eher sagen: Kunst aus öffentlichem Raum?

China Art Pavillion, Shanghai. Quelle: DavidXiaoDaShan (Creative Commons)

Die hingegen subtileren Botschaften der Künstler*innen im Innenraum sind zu nuanciert für meinen Geschmack und das stürzt mich in eine tiefe Sinnkrise. Ich kann keinen Sinn in diesen Werken sehen! Ganz aufgewühlt beschließe ich, mich aus dem öffentlichen Raum ins Innere zu begeben – in das Herz chinesischer Kultur, die Museen und Kunstpaläste, von denen es glücklicherweise sehr viele gibt. Die meisten sind Privatmuseen. Moderne Versionen so ausdrucksstark wie Denkmäler. Sie sind begehbare Architekturskulpturen, die Kunst und meist auch einen Namen haben.

Der Inbegriff der Konsumlust manifestiert in poliertem Aluminium.

Während ein Großteil der Ausstellungen im Rest der Welt nur online stattfinden können, kann ich als Kunst vernarrte alles hautnah erleben. Für mich wird es wieder ‚immersiv‘! – Wohl das Schlagwort unseres Jahrhunderts. Aber schauen wir erst mal: es sind ja noch gut 80 Jahre bis 2200, und die Pandemie ist noch lange nicht vorbei. Egal. Es gibt in Shanghai über 70 Museen und zahlreiche Galerien, die nur darauf warten, von mir erkundet zu werden. Sich der Kunst hingeben, in Dialog treten, dieser andersartigen Welt vielleicht einen Sinn geben. Das wird mich aus meiner Sinnkrise befreien, denke ich. Es passiert mir aber zunächst, dass ich eine Shoppingmall mit einem Museum verwechsele. Das liegt weniger an meinem lädierten Orientierungssinn, sondern daran, dass so viele Museen kaum von dem protzigen Konsumtempel zu unterscheiden sind. Konsumtempel = Kunsttempel? Eine Frage, die ein Land, das die Religionen verworfen hat, wohl kaum tangiert.

Ausstellungsansicht Power Station of Art: Made in Shanghai, 29.09.2020- 18.04.2021

Mich schockiert auch das merkwürdige Kunstverständnis, das ich fast nicht überwinden kann. Meist ist es die repräsentative Architektur, die über alle Inhalte der Museen triumphiert. Die Botschaft lautet: Die Kunst ist klein, aber der Platz, der ihr geboten wird, muss möglichst protzig sein. Nur so kann ich mir erklären, warum die meisten imposant gebauten Museen so leer sind. Die Leere der Ausstellungsräume reflektiert vielleicht die Leere der Gesellschaft. Das sollte eigentlich ein Aufruf zu mehr Kontemplation sein. Ist das vielleicht der eigentliche Zweck der Bauten? Ich bin ganz erschüttert und bleibe eine Weile in einem der leeren Räume sitzen.

Skulptur im öffentlichen Raum. Der Rasen ist von Puppen bevölkert. Spaß ist für Menschen nicht vorgesehen.

Die meisten Ausstellungen dienen wohl eher als Hintergründe für fotografier-freudige Besucher*innen. Sie sind bunt, sie sind groß, es ist ein Erlebnis! Die Modemarke Valentino stellt auch seine Schuhe und Kleider aus – ein fertiges Konsumprodukt! Von Duchamp zu Warhol – vom Museum direkt in die Shoppingmall und dann auf den Müll – ein Wahnsinn! So werden wir zu Kunst, so werden wir zu Botschaftern von…. Hm, wovon nochmal? Dem Konsumkapitalismus? Dem Markt? Ein Hoch auf den Werteverfall, ein Hoch auf die verzehrten Ressourcen!